Friedrich Gernsheim
Friedrich Gernsheim
(1839 – 1916)
Um gleich zu Beginn eine im Internet kursierende Mär auszuräumen: Die Analogie des Hauptthemas aus dem ersten Satz von Friedrich Gernsheims zweiter Violinsonate und der Winnetou-Melodie aus den Karl-May-Filmen erweist sich bei näherem Hinsehen als purer musikalischer Zufall. Gernsheims Werke wurden in den 60er Jahren nicht gespielt und Noten waren praktisch unzugänglich. Das Winnetou-Thema gehört also weiter allein Martin Böttcher. .`
Spannender ist die Frage, warum Gernsheims Werke nach seinem Tod kaum mehr gespielt wurden? Die gängige Antwort: er war Jude und er wurde von der nationalsozialistischen Kulturpolitik unterdrückt. Einmal abgesehen davon, dass 16 Jahre zwischen Gernsheims Tod und der Machtübernahme der Nazis lagen, bleibt die offene Frage, ob es noch andere Gründe für die Vernachlässigung gibt? Es könnte vielleicht an seinen Versuchen gelegen haben, den überlieferten Formen ergänzende Inhalte mit der Erweiterung und zugleich Aufspaltung des Sonatensatzes zu geben, besonders deutlich im Streichquartett Nr. 5 und im zweiten Streichquintett. Möglicherweise beruht Riemanns verächtliches Urteil aus seiner ´Geschichte der Musik seit Beethoven` (´in allen Sätteln gerecht, des mannigfaltigsten Ausdrucks mächtig, doch ohne die überzeugende Kraft innerer Notwendigkeit`) weniger auf Gernsheims Versuchen, zur ´gemäßigten Modernisierung`, sondern eher auf Wagners abstrusen Thesen aus seinem Machwerk ´Das Judenthum in der Musik`. Eines scheint mir nach der intensiven Beschäftigung mit Gernsheims Schaffen jedoch sicher: an der Über-Alles-Qualität der Kompositionen kann es nicht gelegen haben, sie lädt zum wiederholten Hören geradezu ein.
Friedrich Gernsheim wurde am 17. Juli 1839 in Worms in eine wohlhabende, bestens etablierte jüdische Familie geboren. Seine große Musikalität zeigte sich sehr früh, nicht zuletzt durch seine Fähigkeit des absoluten Gehörs, aber auch durch seinen permanenten Drang an die weißen und schwarzen Tasten des Klaviers. Erste Unterweisung am Piano erhielt er von seiner Mutter Josephine, geb. Kaula, die selbst erfolgreich als Pianistin tätig war. Später übernahm der Spohr-Schüler Louis Liebe diese Aufgabe, ehe Mutter und Sohn 1849 aufgrund der Revolutionswirren ihren Wohnsitz zunächst nach Mainz und bald darauf nach Frankfurt verlegten. Dort erhielt Gernsheim, der zu keiner Zeit eine allgemeinbildende Schule besuchte, streng geregelten Unterricht (Klavier, Violine und Theorie) und gab bereits 1850 als 11jähriger sein Debut, bei dem er auch seine schon in Worms entstandene Orchester-Ouvertüre c-moll vorstellte. Im Winter 1851/2 unternahmen Mutter und Sohn eine ausgedehnte Konzertreise über Karlsruhe ins Elsass nach Straßburg, während der mit der Ouvertüre f-moll eine weitere Jugendkompositionen vorgestellt wurde. Im Anschluss an diese Reise wurde Gernsheim ab Mai 1852 zur Vervollkommnung seiner Ausbildung von den Eltern auf das Leipziger Konservatorium geschickt, wo er von namhaften Lehrern unterrichtet wurde (u.a. Ignaz Moscheles für das Klavier und Julius Rietz fürs Dirigat). In den Leipziger Jahren entstanden weitere Kompositionen: eine Ouvertüre d-moll, drei Klaviersonaten (das Scherzo der dritten Sonate gefiel besonders) und eine Violinsonate. Nach der erfolgreichen Abschlussprüfung im ersten Halbjahr 1854 beschlossen Gernsheims Eltern, ihrem Sohn zur Abrundung seiner Bildung einige Zeit in Paris zukommen zu lassen, das damals nicht nur wegen seines äußeren Glanzes, sondern auch im kulturellen Sinne als Zentrum der zivilisierten Welt galt. Dort hatte die Familie mit dem musikbegeisterten Ingenieur Theodore Palmentier einen hervorragenden Anknüpfungspunkt, der Gernsheim in die entsprechenden Kreise einführte. So knüpfte er Kontakte zu diversen Kollegen wie Camille Saint-Saens, Edouard Lalo und dem Sänger Julius Stockhausen. Von besonderer Bedeutung aber waren die Begegnungen mit Rossini, der gegenüber seinem blutjungen Besucher immer wieder die Bedeutung der Melodie betonte, eine Maxime, die Gernsheim zeitlebens beachtet hat. Fünf Jahre verbrachte Gernsheim in Paris, gab Konzerte, bestritt seinen Lebensunterhalt aber im Wesentlichen mit dem Unterricht gut betuchter Schüler. Eine weitere Begegnung, die in eine lebenslange Freundschaft mündete, war die mit Hermann Levy, den er schon aus Kindertagen kannte, sie sollte sich als wichtig für die nächsten Jahre erweisen: nachdem Gernsheim 1861 endgültig nach Deutschland zurückgekehrt war, erhielt Levy einen Ruf an die Rotterdamer Oper und seine bisherige Stellung als Musikdirektor in Saarbrücken wurde frei. Gernsheim wurde ab September 1861 sein Nachfolger: seine Aufgaben umfassten zunächst die Leitung des Gesangs- und Instrumentalvereins, später kam der Männergesangsverein ´Eintracht` hinzu. Wichtiger als diese überschaubaren Aufgaben sollte sich die Verbindung zum Hause Gouvy erweisen: über diese Familie lernte Gernsheim die Werke von Johannes Brahms kennen, den er 1862 beim Kölner Musikfest persönlich traf, eine Begegnung, aus der ebenfalls eine lebenslange Freundschaft entstand genauso wie mit Max Bruch, den er schon 1860 ebenfalls beim Kölner Musikfest getroffen hatte. Ab 1865 übernahm Gernsheim auf Wunsch und Betreiben Ferdinand Hillers die Position eines Lehrers für Klavier und Komposition am Kölner Konservatorium (einer seiner Schüler: Engelbert Humperdinck), außerdem leitete er die Musikalische Gesellschaft und den Städtischen Gesangsverein, damit konnte er auch seine dirigentischen Ambitionen befriedigen. 1874 ging Gernsheim nach Rotterdam und übernahm die Direktion der ´Gesellschaft zur Förderung der Tonkunst` Er leitete die Chor- und Orchesterkonzerte der Gesellschaft sowie der angeschlossenen Musikschule. Daneben wirkte er als Gastdirigent der Deutschen Oper in Rotterdam. Am 1. Mai 1877 heiratete Gernsheim eine langjährige Freundin, die aus Karlsruhe stammende Helene Hernsheim, aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. 1880 war Gernsheim vorgesehen als Nachfolger von Max Bruch als Leiter des Stern`schen Gesangsvereins in Berlin, antisemitische Ressentiments jedoch verhinderten seine Berufung genauso wie vier Jahre später, als er die die Nachfolge von Ferdinand Hiller in Köln antreten sollte. Erst 1890 konnte Gernsheim die Position in Berlin bekommen, nicht zuletzt dank der intensiven Fürsprache von Brahms, Bruch, Joseph Joachim und Hans von Bülow. Zusätzlich wurde ihm eine Lehrtätigkeit am Stern`schen Konservatorium angetragen. Herausragende Ereignisse unter Gernsheims Leitung des Gesangsvereins waren die Gestaltung der Einweihung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit Mendelssohns ´Paulus` und die Uraufführung von Mahlers 2. Sinfonie (beide im Jahr 1895). Als Gernsheim im Jahr 1897 in den Senat der Königlichen Akademie der Künste berufen wurde, beendete er seine Lehrtätigkeit am Konservatorium. Genau genommen waren die aufgezählten offiziellen Tätigkeiten Beiwerk zu Gernsheims Wirkung als Komponist, Dirigent und Solist, verbunden immer wieder auch mit Reisen ins europäische Ausland, insbesondere Frankreich und Niederlande. Diese Aktivitäten übte er mit Freude und Begeisterung aus bis zu seinem Tod am 11. September 1916. Friedrich Gernsheim wurde auf dem Friedhof in Weißensee beigesetzt.
Sinfonie Nr. 1 g-moll op. 32
Gernsheims sinfonischer Erstling – vorausgegangen war 1857 in Paris eine bis heute nicht auffindbare frühe Sinfonie und lediglich eine reine Orchester-Komposition in den frühen Opuszahlen (Ouvertüre ´Waldmeisters Brautfahrt` op. 13 – ein deutlich an Mendelssohns ´Sommernachtstraum orientiertes Stück) – entstand 1874 in Rotterdam und wurde dort am 25. Februar 1875 uraufgeführt. Es folgten weitere Präsentationen durch das Leipziger Gewandhausorchester, die Hofkapelle München und das Gürzenich Orchester. Das Werk besteht aus vier ´klassischen` Sätzen mit den Bezeichnungen Allegro moderato, Larghetto, Scherzo: Vivace und Finale: Allegro moderato assai. Satz 1 steht in Sonatenform, in der die üblichen Bestandteile (Thema 1 bewegt, Thema 2 lyrisch – sehr eindrucksvoll das Horn) mit- und gegeneinander ausgespielt werden. Satz 2 ist formal schwer zu definieren: Nach einer choralartigen Eröffnung (Exposition) ist insbesondere der zweite Themenkomplex als Variation des ersten Teils eindrucksvoll poetisch-delikat angelegt. Es folgt eine Coda als Schlußteil. Das Scherzo steht in der erwartbaren Dreiteiligkeit (1 und 3 lassen an Beethoven denken), das Trio überrascht zum Ende mit fast einem hymnischen Aufschwung. Das Finale ist wieder als Sonatensatz konzipiert, leidet aber unter unverkennbarer thematischer Schwäche.
Sinfonie Nr. 2 Es-Dur op. 46
Geschrieben hat Gernsheim seine zweite Sinfonie 1880, die Uraufführung fand am 16. März 1882 in Rotterdam unter seiner Leitung statt. Das Werk ist viersätzig: Allegro tranquillo, Tarantella: Molto allegro e con fuoco, Notturno: Andante und Finale. Poco animato e sempre più – Allegro con spirito.
Der Kopfsatz ist ein zweithematischer Sonatensatz, wobei der lyrische Teil an erster Stelle steht, der Aufbau jedoch typisch klassisch daherkommt. Die Tarantella stellt in ihrer Monothematik formal die größte Überraschung der Sinfonie dar: das Thema wird bei durchgehend rascher, tänzerischer Gestaltung variiert und sowohl kontrapunktisch und verdichtend bearbeitet, es entsteht ein fließender, stark rhythmisch geprägter Formverlauf. Das folgende Notturno ist dreiteilig gestaltet, dabei an vielen Stellen kammermusikalisch instrumentiert, womit der ´intime` Charakter des Stücks zusätzlich betont wird. Attacca geht daraus das feierliche bis hymnische Finale hervor, ein Sonatenrondo, das der Sinfonie einen adäquaten, das musikalische Geschehen der ersten Sätze vereinigenden Abschluss bereitet. Vielfach wird das Werk aufgrund der ähnlich idyllischen Tonlage mit Brahms` zweiter Sinfonie als Vorbild verglichen, andererseits deuten aber die bereits in der Satzbezeichnung `Tarantella` und ´Notturno` auftauchenden Italienbezüge darauf hin, dass die Komposition ein Reflex sein kann auf Gernsheims Hochzeitsreise an den Golf von Neapel im Jahr 1877.
Sinfonie Nr. 3 c-moll op. 54
Entstanden 1887, uraufgeführt am 13. Januar 1888 in Rotterdam, hat Gernsheims dritte Sinfonie mehr als nur einen Hauch programmatischer Grundlage, auch wenn er selbst in einer seiner seltenen Stellungnahmen wenig davon wissen möchte: er spricht von einem ´Stimmungsbild`. Es führt aber kein Weg daran vorbei, dass der Untertitel des Werks ´Miriam`s Lied` die Basis für alle vier Sätze legt. Sie sind bezeichnet mit: Allegro ma non troppo, Molto Adagio, Molto Vivace und Allegro con brio. Gernsheim spricht selbst über die Inspiration zu dieser Sinfonie aus einer Aufführung von Händels ´Israel in Ägypten`, wobei Satz 1 in seiner sonatenhaften Reihungsanlage sehr dramatisch angelegt ist mit kleinen Momenten der Hoffnung, die aber lediglich als kleine Zwischenlichter erscheinen, es überwiegt eindeutig die musikalische Beschreibung der Knechtschaft. Der langsame zweite Satz ist eindeutig das emotionale und expressive Zentrum der Sinfonie, das liedhafte Geschehen steigert sich teilweise zu hymnischen Wogen, wenn auch der endgültige Sieg, die Befreiung noch auf sich warten lässt. Erst im dritten Satz scheint die Freiheit auf in der lebhaft tänzerischen Fluchtbewegung, die schließlich in der finalen Befreiung vom Joch endet. Das Finale feiert den Sieg, nicht durchweg triumphal, sondern durchsetzt mit lyrischen Ruhephasen, eine differenzierte Apotheose, kein schlicht naiver Jubel. Die dritte Sinfonie war Gernsheims erfolgreichstes sinfonisches Werk, das schnell erfolgreiche Präsentationen in Berlin, Frankfurt, München, Mainz und Dresden erlebte.
Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 62
Gernsheims vierte und letzte Sinfonie entstand 1895 in Berlin, die Uraufführung dirigierte er am 22. Januar 1896 in Mainz. Weitere Aufführungen folgten in Berlin (Arthur Nikisch mit den Berliner Philharmonikern), Köln, Bonn und Frankfurt. Wie ihre drei Vorgänger ist auch sie viersätzig, einziger Unterschied: der langsame Satz steht ausnahmsweise an zweiter Stelle. Die Sätze sind bezeichnet: Allegro, Andante sostenuto, Vivace scherzando e con grazia und Allegro con spirito e giocoso und auch wenn Gernsheim dabei eigene Wege geht, indem er weniger mit voll ausgebildeten Themen, sondern eher mit verkürzten Motiven arbeitet, die er so ineinander verschmelzen lässt, dass die grundsätzliche Sonatenform aller vier Sätze nur schwer erkennbar ist. Vom Grundcharakter ist das Werk eher munter und lebhaft, Holl spricht sogar von einer ´heiteren` Sinfonie, Kretschmar hingegen hört ´Äußerungen heftiger und trotziger Kraft, auffahrend und pochend`, lobt allerdings den zweiten Satz insbesondere wegen seines an Beethoven erinnernden Hauptthemas. In der Tat finden sich in jedem Satz Elemente beider Charakterisierungen, selbst im kurzen, frisch-lebendigen Scherzo, aber besonders im thematisch nur wenig einprägsamen Finale.
Zu einem Drama op. 82
Was mag Gernsheim mit diesem mehr als vagem Titel gemeint haben? Sicher kein konkretes Theaterstück, sicher wohl auch keine programmatische sinfonische Dichtung, ist es – wie Holl vermutet – das Ur-Drama des um sich selbst ringenden Menschen? Das Werk entstand wohl 1902 und ist der Beginn der kompositorischen Spätphase Gernsheims, die das zweite Violinkonzert und einige wertvolle Kammermusik enthält. ´Zu einem Drama` wurde am 24. Oktober 1910 durch die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Arthur Nikisch uraufgeführt. Es besteht aus drei ineinandergreifenden Teilen: Allegro moderato, Andante amoroso e molto sostenuto quasi adagio und Finale: Allegro moderato. In der Vertonung entwickelt sich eine Mischform aus Sonatensatz, der aber in seiner Dominanz immer stärker abgelöst wird von der ´freien` Entwicklung der sinfonischen Dichtung bis zu einem fast tragischen, vielleicht zu pathetischen Schluss.
Vier ausgewachsene Konzerte für Soloinstrument und Orchester hat Friedrich Gernsheim hinterlassen sowie das 1876 veröffentlichte Fantasiestück für Violine und Orchester D-Dur op. 33, ein melodisch- schwelgerisches Werk und das Divertimento für Flöte und Streichorchester op. 53 aus dem Jahr 1888, die man beide aufgrund der kleinen Orchester-Besetzung auch der Kammermusik zuordnen kann. Die Reihe der Konzerte beginnt mit dem
Klavierkonzert c-moll op. 16
Vielfach wird zurecht darauf hingewiesen, dass dieses Anton Rubinstein gewidmete Konzert aus dem Jahr 1868 – Uraufführung im Folgejahr in Basel – sich in einigen Passagen dem Vorbild des Konzerts von Robert Schumann annähert, sehr deutlich im ersten Satz (Allegro), wenn gleich zu Beginn die führende Rolle des Klaviers unterstrichen wird, indem schon nach wenigen Takten des lebendigen Hauptthemas kadenzartige Soli einsetzen und einen konzertierenden Wettstreit einleiten. Das Seitenthema des Sonatensatzes beruhigt das Geschehen immer wieder in den souverän gestalteten Abläufen bis hin zur kraftvollen Coda. Satz 2 (Larghetto) erinnert in seiner gesanglichen, wiegenden Bewegung an eine Barcarole, die nach einigen Steigerungen sanft im Pianissimo verhaucht. Das Finale (Rondo: Allegro) ist ein fünfteiliges Sonatenrondo analog zum sonstigen Werk zwischen kraftvoll und lyrisch, das in einen triumphalen C-Dur-Schluss führt.
Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 42
Das erste Violinkonzert schrieb Gernsheim 1879, es wurde am 22. Januar 1880 in Rotterdam unter seiner Leitung aus der Taufe gehoben. Das Werk besteht aus den üblichen drei Sätzen mit den Bezeichnungen: Allegro non troppo, Andante affettuoso und Allegro energico e con brio. Die einzelnen Sätze rufen unterschiedliche Muster auf: der Beginn des Kopfsatzes mit den Paukenschlägen lässt an Beethoven denken, ebenso die Tonart D-Dur, die kurz darauf auch Tschaikowsky und Brahms für ihre Konzerte wählten. Satz 1 in Sonatenform nimmt fast die Hälfte des Konzerts ein, ist dabei ein thematisch stark differenzierter, mit breitem Orchesteranteil ausgestatteter Satz, somit weniger effektorientiert als im sonstigen romantischen Repertoire. Die vom Komponisten stammende Kadenz erklingt entgegen der Konvention am Ende der Durchführung. Es folgt ein melodisch anrührendes, inniges Andante, das einen lyrischen Gegenpol zum Kopfsatz bildet und nach Ansicht einiger Beobachter zu Gernsheims besten Einfällen gehört. Das Finale in Sonatenrondo-Form erinnert in manchen Passagen an Max Bruch, besitzt aber ausreichend Kraft und Eigenständigkeit, um das Werk zu einem überzeugend kraftvollen Abschluss zu bringen.
Violinkonzert Nr. 2 F-Dur op. 86
Im Gegensatz zu Nr. 1 ist das in den Jahre 1912/3 entstandene F-Dur-Konzert (UA am 21. Oktober 1913 in Hamburg unter Gernsheims Leitung) komprimierter gestaltet und durchkomponiert, wenngleich die drei maßgeblichen Abschnitte schnell-langsam-schnell klar erkennbar bleiben. Sie sind bezeichnet: Allegro risoluto, Andante cantabile und Allegro giocoso. Im Kopfsatz wählt Gernsheim einen ungewöhnlichen Aufbau, als er die Solovioline bereits im zweiten Takt einsetzen lässt und eine Kadenz einbaut, bevor der Satz thematisch begonnen hat. Es entwickelt sich ein für den Solisten durchaus anspruchsvoller Satz, der in das Herzstück des Werks mündet, einen innigen langsamen Satz voller warmer Melodik, ergänzt von einem lebendig gestalteten Mittelteil. Das Rondo-Finale bietet dem Solisten noch einmal reichlich Gelegenheit zur Entfaltung seines Könnens, ohne in pure Virtuosität abzugleiten.
Cellokonzert e-moll op. 78
Auch das Cellokonzert aus dem Jahr 1907 hat Gernsheim analog dem zweiten Violinkonzert durchkomponiert und komprimiert gestaltet und auch hier setzt das Soloinstrument nach nur zwei Takten im Allegro ma non troppo mit dem ersten Thema ein. Es erscheint ein zweites, zu Beginn marschartiges zweites Thema (Vivo e con fuoco), das in die Kadenz und schließlich in den zweiten Satz (Larghetto) überleitet, in dem das Cello durchweg die Führung übernimmt, aber immer auch den Dialog mit dem Orchester findet. Im Übergang zum Finale erscheint das Vivo e con fuoco-Thema wieder, führt in eine kurze Kadenz, ehe der Satz nach einer scherzohaften Durchführung zum beeindruckenden Ende kommt.
Die Kammermusik stellt mit 21 Werken in verschiedenen Besetzungen den kompositorischen Kern von Gernsheims Schaffen, dabei verteilen sich die Stücke relativ gleichmäßig über die verschiedenen Stationen seiner Tätigkeit. Ich betrachte die Werke nicht chronologisch, sondern nach Besetzung und beginnen mit den Beiträgen für reines Streicherensemble.
Streichquartett Nr. 1 c-moll op. 25
Geschrieben hat Gernsheim sein erstes Streichquartett 1871, die Uraufführung fand in Köln am 16. Oktober 1871 statt. Satz 1 (Allegro energico) in Sonatenform ist stark rhythmisch bestimmt ohne wirklich griffige Themen, der zweite Satz (Andante con moto – Molto tranquillo – dolce) bildet den lyrischen Gegenpol in der Art eines Lieds ohne Worte, das folgende Scherzo (Allegro) greift den rhythmischen Gestus des ersten Satzes auf, im Trio melodisch kontrastiert. Den Höhepunkt des Quartetts bildet das Finale (Rondo all‘ Ongarese: Allegro molto vivace – Poco meno mosso – Tempo I – Presto – Prestissimo) mit den typisch ungarisch gefärbten Motiven bei mehrfachen Tempowechseln, die zum Ende in ein bemerkenswertes Prestissimo münden.
Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 31
Veröffentlicht 1875 setzt op. 31 mit einem Sonatensatz ein (Allegro), dem ein leicht elegischer und in Teilen auch unruhiger Unterton zu eigen ist. Komplette Ruhe strahlt zunächst das anschließende Adagio aus, ehe im Mittelteil leidenschaftlichere Klänge überwiegen. Genau umgekehrt ist das Scherzo (Molto vivace ed energico) angelegt, kraftvoll in Teil 1 und 3, während das Trio mit zarten, verträumten Tönen einen Gegenpol bietet. Höhepunkt des Quartetts ist das Finale (Allegro moderato e molto energico) mit dem stark rhythmisch bestimmten Hauptthema und einem charmanten lyrischen Seitenthema, die im Mittelteil in eine Fuge münden. Eine schmissige Coda bildet den Abschluss. Ein Quartett, dass auch im Konzert gefallen dürfte!
Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 51
Das dritte Quartett F–Dur entstand 1885 am Ende der Jahre in Rotterdam und wurde am 12. Januar 1886 von Joseph Joachim und seinem Quartett aus der Taufe gehoben. Es hat die üblichen vier Sätze mit folgenden Bezeichnungen: Allegro, Allegro scherzando, Andante molto cantabile und Finale: Tema con variazioni. Satz 1 verarbeitet ein lyrisch geprägtes Hauptthema in Form einer agogisch anspruchsvollen Fantasie. Die beiden Mittelsätze schwelgen in einem charmant-tänzerischen, dabei leicht intermezzoartigen Scherzo und einem verträumt-singenden Andante. Das Finale, als Variationssatz angelegt, beeindruckt mit kontrapunktisch anspruchsvollen und abwechslungsreichen Transformationen. Ein weiteres Stück, das auch im Konzertsaal reüssieren könnte.
Streichquartett Nr. 4 e-moll op. 66
Auch das 4. Streichquartett (1899 geschrieben) hob Joseph Joachim genau wie den direkten Vorgänger mit seinem Quartett im Januar 1900 aus der Taufe. Die vier Sätze sind bezeichnet: Allegro ma molto moderato ed espressivo, Allegretto scherzando, ma non troppo vivo e sempre molto leggiero, Andante grave (Thema mit Variationen) und Finale: Allegro con brio. Im ersten Satz in Sonatenform erscheint zu Beginn ein pointiertes Hauptthema mit elegischem Unterton, das zumal in der Durchführung subtil verarbeitet wird. Das Scherzo wartet mit einer heiteren Grundstimmung auf, ergänzt von einem anmutigen Trio. Das Andante präsentiert ein schlichtes Thema, das im Verlauf des Satzes vor allem auf seine rhythmische Flexibilität geprüft wird. Das Finale setzt mit einer Art Militärmarsch ein (Holl spricht von einem Jagdruf-Thema), dem rondoartig ruhigere Passagen hinzugefügt werden bis hin zu einem eher heiteren Ausklang.
Streichquartett Nr. 5 A-Dur op. 83
Gernsheims letztes Streichquartett wurde 1911 veröffentlicht und, obwohl es in der klassischen viersätzigen Form steht, weist es in Teilen voraus auf das 20. Jahrhundert. Das gilt fraglos für Satz 1 (Allegro non troppo), in dem keine Themen-Dualität herrscht, sondern die einzelnen Ideen beständig zerlegt und weiterentwickelt werden, einschließlich kühner harmonischer Sprünge. Das Scherzo (Molto vivace) klingt im Hauptteil schatten-, vielleicht sogar geisterhaft, kontrastiert von einem Trio-Marsch. Satz 3 (Andante sostenuto e molto cantabile) nähert sich dem Ideal der unendlichen Melodie zunächst in der ersten Violine, dann im Cello, ein Spiel, das nach einer leichten Steigerung wieder aufgenommen wird und den Satz zu seinem zarten Ende bringt. Das Finale (Allegro vivace e con brio) basiert traditionell auf zwei Themen, die in einer Art Sonatenform präsentiert werden, wobei Gernsheim auch hier – besonders in der Durchführung – auf die Technik der Motivzerlegung zurückgreift.
Streichquintett Nr. 1 D-Dur op. 9
Opus 9 gehört zu den beeindruckenden Werken aus der Kölner Zeit, es wurde am 12. März 1867 dort uraufgeführt. Das einleitende Allegro wird von zwei stark lyrisch getönten Themen bestimmt, die, auch was die Verarbeitung angeht, an Schubert erinnern. Satz 2 (Allegretto moderato) ist in seiner Kompaktheit eher ein Intermezzo als ein Menuett im alten Stil, aber versehen mit einem Trio mit rasantem Tempo (Molto vivace). Es folgt ein klangschönes Andante espressivo mit einem eher fragend-unruhigen Mittelteil, während das Finale (Allegro molto vivace e con fuoco) den lyrischen Unterton des Werks komplett beiseite räumt und mit seinen rhythmisch geprägten Themen das Werk sehr effektiv beendet.
Streichquintett Nr. 2 Es-Dur op. 89
Das zweite Streichquintett gehört zu Gernsheims letzten Werken, es entstand in den Jahren 1915/6 und wurde zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht, allerdings im März 1916 zum ersten Mal öffentlich aufgeführt; die Erstausgabe erschien 2002. Die vier Sätze lauten, ich beziehe mich hier auf die Angaben der Einspielung des Diogenes Quartetts mit Alexander Hülshoff (in Klammern die Angaben im Autograph): Allegro energico (Allegro moderato e molto cantabile), Andante con moto (Allegro vivace con brio – Andante patetico – Tempo I), Allegro (Adagio) und Rondo all‘Ongarese. Allegro molto vivace – poco meno mosso – Tempo I. – tranquillo – Presto – Prestissimo (Allegro – Molto vivace e con brio). Ähnlich wie im 5. Streichquartett wird das von der Viola vorgestellte Thema aufgespalten, rhythmisch verändert, klingt manchmal fast diatonisch und grenzt schon fast an Reger. Über alles gesehen aber verbleibt der Satz formal in der Sonatenform. Es folgt ein im Hauptteil lebendiges, im Trio hingegen geradezu bedrückendes Scherzo. Das Adagio, ein zarter Klagegesang, wird auch mit dem Tod von Gernsheims Tochter Maria bei einem Autounfall im Jahr 1915 in Verbindung gebracht, aber auch ohne die biografische Note gehört der Satz zu Gernsheims beeindruckendsten Erfindungen, deren Weg vom anfänglichen Dis-Dur über zahlreiche harmonische uns rhythmische Schattierungen zu einem ein wenig tröstenden A-Dur führt. Das Finale beginnt mit einem Fugato, wird geleitet in ein sprunghaftes Thema, das – analog zum ersten Satz – zerlegt und aufgespalten wird und erst in der Coda zu seiner Ursprungsform zurückfindet.
Klaviertrio Nr. 1 F-Dur op. 28
Klassisch in vier Sätzen ist Gernsheims erstes Klaviertrio aus dem Jahr 1873 gehalten, bei dem in Kommentaren viel von Brahms-Nähe bis hin zu Brahms-Kopie zu lesen ist: Allegro ma non troppo ist Satz 1 bezeichnet, ein Sonatenhauptsatz, der mit seinen markanten Themen eher an Beethoven denken lässt. Das Scherzo (Allegro molto vivace) überzeugt im Hauptteil mit einem dynamisch-freundlichen Thema, das Trio dagegen hebt mit düsterem Unterton an, eine Stimmung, die fortdauert und auch im folgenden langsamen Satz (Adagio) aufgegriffen wird, einem Klagegesang mit Anklängen an Schubert, dort allerdings im schlicht-heiteren Mittelteil aufgehellt wird. Das Finale (Allegro moderato assai) überzeugt mit seiner schwungvollen Melodik, deren Verarbeitung besonders in der Durchführung am ehesten an Brahms erinnert.
Klaviertrio Nr. 2 H-Dur op. 37
Das zweite Klaviertrio entstand 1877, im Jahr der Hochzeit mit Helene Hernsheim, der dieses Trio auch gewidmet ist. Ein bemerkenswertes Detail findet sich im ersten von zärtlicher Leidenschaft erfüllten Satz (Allegro moderato): die Reprise folgt exakt der Exposition (abgesehen von der Transposition des Seitensatzes) und hat wie sie genau 77 Takte, eine deutliche Anspielung auf das Jahr der Eheschließung. Fröhlich, fast übermütig folgt das Scherzo (Vivace) ohne nennenswerte Veränderung der Stimmung auch im Trio, während der langsame Satz (Lento e mesto) im völligen Gegensatz zu den beiden ersten Sätzen ein inniges Klagelied anstimmt, im Mittelteil mit fast religiösem Unterton, ein Satz, der zurecht zu den wertvollsten Sätzen Gernsheims gezählt wird. Im Finale (Allegro non troppo ma energico) findet das Werk wieder zurück zur vorwärtstreibenden Kraft der beiden ersten Sätze, auch wenn die Motive manchmal eine gewisse Schwerfälligkeit aufweisen, die an den Kollegen Reger erinnert.
Klavierquartett Nr. 1 Es-Dur op. 6
Dieses frühe Werk entstand um 1860, möglicherweise zumindest teilweise noch in Paris, wurde aber erst 1865 in Leipzig uraufgeführt. Es ist noch stark durchdrungen vom musikalischen Gedankengut der Romantik Mendelssohns und Schumanns, es finden sich aber auch bereits deutliche Hinweise auf die Entwicklung des Personalstils Gernsheims, ganz besonders in der eigenständigen melodiösen Qualität des langsamen Satzes. Das Werk ist klassisch aufgebaut in vier 4 Sätzen bezeichnet mit Allegro ma non troppo (Sonatenform), Allegro vivace assai (Scherzo mit einem kaum kontrastierenden Trio), Andante (manchmal auch bezeichnet als Adagio) con moto (mehrteilig mit einer zarten Coda) und einem abgesehen von der Coda eher ruhigen Finale: Allegro con brio (wiederum in Sonatenform).
Klavierquartett Nr. 2 c-moll op. 20
War Gernsheim in seinem ersten Klavierquartett noch deutlich am Mendelssohn und Schumann orientiert, so lassen sich in dem 1870 veröffentlichen op. 20 nicht nur wegen der dreisätzigen Anlage (ohne Scherzo) vermehrt eigenständige Ansätze finden. Die drei Sätze sind bezeichnet: Allegro molto moderato, Adagio cantabile und Rondo: Allegro. Satz 1 in Sonatenform wird eröffnet von einem dramatisch geprägten Hauptthema, dem sehr bald ein Seitenthema lyrischen Charakters an die Seite gestellt wird. Aus diesem Kontrast entwickelt Gernsheim besonders in der Durchführung eine ungemein dichte Tonsprache voller kontrapunktischer und dramatischer Entwicklungen bis hin zu einer gloriosen Coda. Im Adagio erklingt der emotionale Ruhepunkt des Werks: kantable Melodik ergänzt von warmen Klängen durchzieht diesen Satz, abgesehen von einem kurzen Aufschwung im Mittelteil. Das abschließende Rondo hat – abgesehen von einer eher lyrischen Episode – ungarisch-tänzerischen Charakter, ein würdiger Abschluss für eine Komposition, deren Fehlen im Konzertbetrieb sehr zu bedauern ist.
Klavierquartett Nr. 3 F-Dur op. 47
Sein letztes Klavierquartett schrieb Gernsheim 1883, die Uraufführung erfolgte am 10.12.1883 in Bonn mit dem Komponisten am Piano. Das Werk ist viersätzig, beginnend mit einem eher leichten, fast heiteren Allegro tranquillo in Sonatenform, in dem neben den drei markanten Themen besonders auffällig die im positiven Sinne ´pedantische` Gleichbehandlung aller vier Instrumente ist. Es folgt ein Allegro energico e appassionato, im Hauptthema leidenschaftlich-kraftvoll bis dramatisch, während das ungewöhnlich ausgedehnte Trio zarte Töne anschlägt. Das emotionale Zentrum des Werks liegt im Andante cantabile mit seiner ausdruckvoll-gesanglichen Melodik, die Gernsheim wie bereits in den ersten beiden Sätzen sehr ´gerecht` auf die vier Instrumente verteilt, wodurch sich ein hoch spannender kammermusikalischer Dialog ergibt. Das Finale: Tema con variazioni besteht aus einem einfachen, vom Klavier eingeführten alla-breve-Thema, das über 11 gegensätzliche Veränderungen in einen brillanten, temperamentvollen Schluss geleitet wird. Fast überflüssig das Bedauern über das Fehlen auch dieses Werks im Konzertbetrieb.
Klavierquintett Nr. 1 d-moll op. 35
Opus 35 datiert aus den Jahren 1875/6, uraufgeführt wurde es 10.6.1876 in Rotterdam mit Gernsheim am Klavier. Das Werk hat vier Sätze mit den Bezeichnungen Allegro moderato, Andante molto cantabile, Vivace ed energico und Allegro con brio. Satz 1 setzt mit einer kurzen langsamen Einleitung in den Streichern ein, die in das leidenschaftliche Hauptthema mündet. Zwei lyrische Motive folgen, die dem Sonatensatz im steten Wechsel mit dem Hauptthema bis hin zur dynamischen Coda einen abwechslungsreichen Verlauf verleihen. Im zweiten Satz verzichtet Gernsheim auf einen Mittelteil, vielmehr lässt er das ausdrucksvolle Thema sich in zahlreichen harmonischen Wendungen weiterentwickeln. Das folgende Scherzo wird von einem leicht sperrigen Thema beherrscht, deren Klängen ein leises, fast idyllisches Trio gegenübergestellt wird. Das Finale beginnt mit der Andeutung einer Fuge, in deren Entwicklung das Klavier mit dem markanten Hauptthema eingreift, dazu gesellt sich bald kurz ein kantables Seitenthema. Aus diesen drei ´Zutaten` entwickelt sich ein ungewöhnlicher, dabei höchst lebendiger Sonatensatz. Noch ein Werk Gernsheims, das im Konzertsaal fehlt.
Klavierquintett Nr. 2 h-moll op. 63
Sein zweites Klavierquintett schrieb Gernsheim 1896, uraufgeführt wurde es am 12. Februar in Rotterdam unter Beteiligung des Komponisten am Klavier. Es folgten weitere Aufführungen in Wien, Prag und Leipzig mit Beteiligung Gernsheims zusammen mit den Widmungsträgern des Werks, dem Böhmischen Streichquartett, dem mit Josef Suk und Oscar Nedbal zwei renommierte Künstler angehörten. Die vier Sätze werden eingeleitet von einem Molto moderato in Sonatenform, die stark bestimmt wird vom Hauptthema und seiner ausgeprägten Rhythmik, während das köstliche Walzerthema des Seitensatzes nur in Exposition und Reprise, dort nach Dur gewendet, zu hören ist. Den Satz beschließt eine temperamentvolle Coda. Satz 2 ist überschrieben Adagio und beginnt ruhig in Dur, im ausgedehnten Mittelteil jedoch ändert sich die Stimmung und wird von einem Appassionato-Risoluto Abschnitt in g-moll abgelöst, zum Ende aber kehrt die Sphäre des Beginns eindrucksvoll zurück. Satz 3 ist bezeichnet Allegretto molto grazioso e sempre scherzando und genauso klingt er auch. Ein volkstümliches, böhmisch angehauchtes Thema bestimmt das Scherzo, das ohne echtes Trio auskommt, an seiner Stelle steht ein Ausflug nach Moll. Das Finale (Allegro giocoso, ma non troppo presto) – wiederum in Sonatenform – stellt ein auftrumpfendes Thema in den Mittelpunkt, dem eine prachtvolle Melodie als Seitenthema gegenübergestellt wird, die sich glücklicherweise im weiteren Verlauf stärker durchsetzen kann als der Walzer in Satz 1. So entsteht eine Abfolge von durchführungsartigen Abschnitten bis hin zu einer con fuoco Coda.
Werke für Soloinstrument und Klavier
Gernsheim hat sowohl für Violine als auch Cello insgesamt sieben Werke in seine Opuszahlen eingereiht, zu den Kompositionen für Violine und Klavier gehören zwei Jugendwerke, beide entstanden in Leipzig im Jahr 1853: die Violinsonate e-moll und das Andante für Violine und Klavier. Beide sind, auch wenn sie unter Aufsicht seines Kompositionslehrers Julius Rietz entstanden, kaum mehr als nur Talentproben eines Jugendlichen. Auch wenn die deutlich an Mendelssohn orientierte Sonate verständlicherweise kaum eigenständige Züge aufweist, ist aber im Andante bereits der begnadete Melodiker zu erkennen. Die Werke für Violine und Klavier mit Opuszahlen beginnen mit der
Violinsonate Nr. 1 c-moll op. 4
Noch während der Zeit in Paris hat Gernsheim dieses frühe Werk begonnen und es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass der zutiefst traurige Unterton im Eröffnungssatzes (Andante con moto) die erste unglückliche Liebe des jungen Mannes zu seiner Schülerin Aline de Pommayrac widerspiegelt. Ganz anders dagegen das folgende tänzerisch angelegte Scherzo (Allegretto scherzando), das genau wie das Finale (Allegro) zu Beginn der Jahre in Saarbrücken entstand, die Melancholie der Eröffnung vergessen lässt. Nur einmal – im Mittelteil des Finales – erklingt so etwas wie eine verträumte Reminiszenz an die Pariser Tage.
Violinsonate Nr. 2 C-Dur op. 50
Entstanden 1865 in Rotterdam und wiederum dreisätzig gehört op. 50 (UA am 12.1.1886 in Rotterdam mit dem Komponisten am Piano) zur mittleren Schaffensperiode Gernsheims, in der er sich intensiv mit der Sonatenform auseinandersetzte. Dies gilt insbesondere für den ersten Satz (Allegro moderato), der mit seinen beinahe 400 Takten nahezu die Hälfte des gesamten Stücks ausfüllt. Hörbar geht es Gernsheim nicht mehr so sehr um die Themen-Dualität, sondern um die fortwährende Weiterentwicklung der Motive, wodurch bedauerlicherweise das lyrische Eingangsthema (Winnetou!) kaum noch in seiner attraktiven Originalgestalt zu hören ist. Satz 2 (Andante sostenuto) beginnt ruhig, beinahe feierlich, eine Stimmung, in die im Mittelteil kurze rhythmische und harmonische Einwürfe eingreifen, zum Ende aber setzt sich die Aura des Beginns wieder durch. Das Finale (Allegro energico) greift die formalen Gedanken der motivischen Erweiterung des ersten Satzes noch einmal auf, um schließlich in eine eindrucksvolle Dur-Coda zu münden.
Violinsonate Nr. 3 F-Dur op. 64
Ursprünglich als Sonate für Cello und Klavier geplant, entschied Gernsheim sich im Laufe der Arbeit für eine Version mit Violine und Klavier, war jedoch mit dem 1898 fertigen Ergebnis nicht zufrieden und arbeitete die Sonate im Jahr 1905 noch einmal um. Opus 64 ist als einzige der vier Violinsonaten viersätzig angelegt. Die Bezeichnungen lauten: Allegro con brio, Allegro agitato, Andante molto espressivo und Moderato e sempre cantabile. Im Kopfsatz strebt Gernsheim zunächst nach deutlichem Kontrast zwischen den beiden Themen des Satzes, beide aber werden jeweils unmittelbar verarbeitet, insbesondere in der Durchführung immer stärker aneinander angenähert, so dass sich eine Art Erweiterung des Sonatensatzes entwickelt. Im folgenden ruhelosen Satz sind keine Themen zu erkennen, es reiht sich Motiv an Motiv in rascher Folge. Dies setzt sich auch im ruhigeren Mittelteil fort. Ganz anders das Andante mit seinen ruhig schreitenden Melodien, die zwischen Klavier und Violine hin und herwandern bis hin zu beinahe kadenzierenden Momenten der Violine. Das Finale wird beherrscht von einem einprägsamen Thema, das im Verlauf des Satzes zahlreichen Veränderungen unterliegt, womit sich der formale Kreis zu Satz 1 schließt.
Violinsonate Nr. 4 G-Dur op. 85
In seiner letzten Violinsonate, die 1912 veröffentlicht wurde, kehrt Gernsheim zum dreisätzigen Modell zurück. Allegro moderato assai ist Satz 1 bezeichnet, in der Grundform ein Sonatensatz, in dem er aber die bereits in früheren Werken verwandten Techniken der motivischen Vermischung und Imitation besonders in der Durchführung noch einmal steigert, dabei formal zu dem kommt, was Holl ´Einheit in der Mannigfaltigkeit` nennt. Der langsame Satz (Andante dolente) setzt mit einem elegischen Thema ein, das von einem beinahe tänzerischen, beschwingten Mittelteil kontrastiert wird. Das Finale (Allegro con brio) setzt mit einem Fugato ein, auf das ein Ländler artiges Thema folgt, bei dem der Hörer sich durchaus an Mahler erinnert fühlen darf. Wie bereits im Kopfsatz verarbeitet Gernsheim die Motive durch Aufspaltung und Vermischung, obwohl zumindest der ´Ländler` immer wieder deutlich erkennbar hervortritt.
Die vier Sonaten für Violine und Klavier, die zwischen 1860 und 1910 entstanden sind, zeigen deutlich Gernsheims kompositorische Entwicklung zwischen Hochromantik und einer bereits von ´modernen` Ideen (Mahler, Reger) beeinflussten Spätromantik. In diesen Zeitraum fallen zwei weitere ´kleinere` Werke für die beiden Instrumente: zum einen das melodienselige Fantasiestück für Violine und Klavier op. 33 (1875), ein Stück, das Gernsheim selbst überzeugend aus der Grundlage der Version mit Orchester (s.o.) gestaltete und einen weiteren Einzelsatz bezeichnet als Introduction und Allegro appassionato e-Moll op. 38. Dieses Werk (veröffentlicht 1876) ist ein Virtuosenstück par excellence, das sein forsches Allegro-Hauptthema aus der langsamen Einleitung herauswachsen lässt und es in der Folge mit den für Gernsheim typischen Mitteln der Imitation und Abspaltung verarbeitet.
Cellosonate Nr. 1 d-moll op. 12
Die Sonate entstand 1868 in Köln, uraufgeführt wurde sie 12. April 1868 unter Beteiligung des Komponisten in Paris. Am Anfang des Werks in drei Sätzen steht überraschend ein Andante con moto in Rondoform, das von einem schönen, leicht melancholischen Cellothema ergänzt durch ein vom Klavier eingeführtes unruhigeres, rhythmisch angelegtes Motiv bestimmt wird. Das folgende Scherzo (Allegretto) wird eröffnet von einem Ländler, dem Gernsheim als Trio einen flotten Walzer beigibt (Vivo e giocoso). Das Finale (Allegro con brio) eröffnet Gernsheim mit der Andeutung einer Fuge, die aber sehr zügig in einen Sonatensatz mit einem expressiven Gesang des Cellos mündet. Das Klavier greift aber im Verlauf immer wieder den punktierten Rhythmus des Beginns auf, wodurch sich besonders in der Durchführung ein spannendes, wechselvolles Spiel der beiden Instrumente ergibt.
Cellosonate Nr. 2 e-moll op. 79
Seine zweite Cellosonate vollendete Gernsheim 1906, sie blieb allerdings nach der Uraufführung am 15. Januar 1907 in Köln ungedruckt, weil er mit den beiden ersten Sätzen unzufrieden war. So entstand acht Jahre später eine weitere Sonate in e-moll, für die Gernsheim lediglich das Finale übernahm (s.u.). Der Kopfsatz des dreisätzigen Werks ist bezeichnet Allegro non troppo, ma con passione wird eröffnet von einer ausgedehnten Cello-Kantilene, die mit einem marschartigen Motiv fortgesetzt wird, deren Gegensatz weite Teile des Sonatensatzes definiert. Nur sporadisch greift das kantable Seitenthema in das Geschehen ein. Der folgende Satz (Andantino) – bereits 1902 vollendet – ist eine Mischung aus langsamem Satz in Form einer Mazurka und einem Scherzo durch den Einschub eines temporeichen Trios. Das Finale (Allegro con fuoco) ist eine eher unruhige, aber zugleich ausdrucksstarke Angelegenheit, wobei nur selten das ruhige Seitenthema zum Tragen kommt. Der Satz endet nicht im erwartbaren E-Dur, sondern in der Grundtonart e-moll.
Cellosonate Nr. 3 e-moll op. 87
Mit der zweiten Cellosonate teilt Nr. 3 das Finale, wenn auch mit erheblichen Veränderungen. Die Arbeit an dem dreisätzigen Werk beendete Gernsheim 1914, die Uraufführung fand knapp 100 Jahre später im September 2012 in Worms statt. Der Kopfsatz (Allegro ma non troppo) mag mit seinen teilweise elegischen, traurigen Tönen auf die politischen Ereignisse (Beginn des 1. Weltkriegs) anspielen, insgesamt aber ist der Sonatensatz sehr klar strukturiert. Es folgt ein Andante sostenuto, das sich nach einem schlichten Beginn zu einem beeindruckenden Fortissimo steigert, ähnlich angelegt ist auch der Mittelteil des Satzes, deren zarte Töne noch einmal am Schluss des Satzes erscheinen. Beim Finale fällt die Vereinfachung des Ablaufs sofort ins Ohr, abgesehen von der überraschenden Einlage einer lieblichen Dur-Passage an Stelle der Durchführung. Insgesamt eine höchst gelungene Überarbeitung, in der lediglich die letzten gut 20 Takte fast unverändert erklingen.
Neben den Sonaten veröffentlichte Gernsheim zwei weitere, kleinere Stücke für die beiden Instrumente: das Andante für Cello und Klavier op. 64b, eine Umarbeitung des langsamen Satzes der Violinsonate op. 64, die dem schlichten, aber melodisch reizvollen Stück durch die vollen Töne des Cellos sehr großen klanglichen Reiz verleiht. Ein weiteres Stück ist das Elohenu für Cello und Klavier, einer der wenigen Momente im Laufe seiner Karriere, in der Gernsheim jüdische Melodien und Themen in sein Werk einfließen ließ. Der Begriff Elohejnu stammt aus dem jüdischen Morgen- und Abendgebet und bedeutet ´unser Gott`.
Obwohl seine ersten Kompositionsversuche dem Klavier galten, hat Gernsheim im Laufe seiner Karriere sich stärker der Kammermusik und der Sinfonik zugewandt, dabei aber dennoch einige sehr bemerkenswerte Werke für das Piano hinterlassen. Dabei sind frühe Werke ohne Opus wie der Geschwindmarsch C-Dur aus dem Jahr 1845 oder das Capriccio e-moll eher als jugendliche Talentproben anzusehen. Anders sieht es aus bei den aus den Jahren 1853/4 stammenden Klaviersonaten, die nur in unvollständigen und z.T. widersprüchlichen Handschriften überliefert sind, die der Pianist Jens Barwieck bearbeitet und im Rahmen eines laufenden Projekts auf CD eingespielt hat.
Klaviersonate d-moll (1853)
Gernsheim war 14 Jahre alt, als er diese seinem Klavierlehrer Julius Rietz gewidmete Sonate schrieb. Auch wenn die Komposition formal fast devot im vorgegebenen Regelwerk verbleibt, überrascht die handwerkliche Sicherheit des blutjungen Komponisten. Die drei Sätze (Allegro agitato -Sonatensatz, Adagio – dreiteilig und Finale: Allegro assai – Sonatensatz) atmen Erfindungskraft, Eleganz, Gefühl für thematische Kontraste und Entwicklung. Für mich mehr als nur eine Talentprobe!
Klaviersonate Es-Dur (1853)
Gernsheim erweitert in der Es-Dur-Sonate die Komposition um ein Scherzo auf vier Sätze mit folgenden Bezeichnungen: Allegro di molto, Adagio, Allegro molto und Allegro vivace assai. Alle Teile sind relativ kurz gehalten: Satz 1 in Sonatenform, 2 und 3 jeweils dreiteilig und das Finale als Sonatenrondo. Es scheint, als habe Gernsheim größere Sicherheit und Ruhe im Umgang mit formalen Fragen gefunden. insbesondere hinsichtlich thematischer Kontraste innerhalb der Sätze.
Klaviersonate d-moll (1854)
In der letzten der Jugend-Sonaten erweitert Gernsheim das Spektrum noch einmal um langsame, wenngleich recht kurze Einleitungen im Kopfsatz und im Finale, die Bezeichnungen der vier Sätze lauten: Adagio molto – Allegro appassionata, Agitato assai, Adagio und Poco andante – Allegro agitato. Eindeutig hörbar sind auch in Nr. 3 der Frühwerke die Fortschritte des immer noch blutjungen Komponisten, offen bleibt allerdings, inwieweit die Bearbeitungen des Pianisten Jens Barnieck diesen Eindruck unterstützen.
Klaviersonate f-moll op. 1
Das erste ´offizielle` Werk Gernsheims vermutlich aus dem Jahr 1862 bestehend aus drei Sätzen mit folgenden Bezeichnungen: Satz 1: Langsam getragen – Ziemlich rasch – Erstes Tempo, Satz 2: Lebhaft und Satz 3: Leidenschaftlich bewegt – Ein wenig langsamer – Tempo I – Mit Ausdruck – Sehr ruhig. Eine improvisatorisch anmutende ausführliche langsame Einleitung leitet ein, mündet in den Ansatz eines Sonatensatzes und kehrt bald zum Ausgang zurück. Satz 2 hat in seiner lebhaft-frischen Dreiteiligkeit Scherzo-Charakter, während der Schlusssatz wieder auf die Sonatenform zurückgreift, thematisch jedoch arg fragmentarisch klingt.
Sechs Präludien für Klavier op. 2
Die frühen Sonaten zeigen deutlich Gernsheims wachsendes Formverständnis, die 1864 veröffentlichten ´Sechs Präludien` hingegen verdeutlichen seine Fähigkeiten der pianistischen Kolorierung verbunden mit seinen persönlichen Fähigkeiten als Pianist. Es beginnt Un poco lento e sostenuto in Chopin-Manier, ein neues Vorbild neben den deutschen Romantikern, wechselt zu einem Andante espressivo und setzt sich fort in einem Allegro energico, zurück zu Andantino, dann über Allegretto vivace e leggiero zum Schlussteil Allegro molto agitato. Drei der Stücke stehen in Dur, drei in Moll. Die Komposition wurde bei ihrem Erscheinen wohlwollend aufgenommen, insbesondere die Vermeidung allzu salonhafter Klänge lobend erwähnt.
Suite d-moll op. 8
Die Suite erinnert an Raffs Versuche, barocke Formen in romantische Kleider zu stecken. In fünf Sätzen (Präludium, Andante, Scherzo, Introduction und Courante) verbindet Gernsheim klassische Tanzformen mit den harmonischen Ideen der Romantik.
Romanze Fis-Dur op. 15
1869 veröffentlicht, orientiert sich Gernsheim in der dreiteiligen Romanze besonders in der melodischen Linienführung des Hauptteils an Schumann und Chopin, kontrastiert mit einem Mittelteil mit der Bezeichnung Vivace ed agitato.
Variationen Es-Dur op.18
Variationen c-moll op. 22
Die beiden in enger Nachbarschaft entstandenen Variationszyklen (op. 18 wurde 1869, op. 22 1870 veröffentlicht) unterscheiden sich insoweit in Ausdruck und Spannung, als op. 18 mit seinem Thema und den 14 Variationen eher kantabel und klassisch ausgewogen (im Sinne von Schumann) klingt, sich dabei stark auf spielt- und satztechnische Entwicklungen stützt, während das spätere Werk (Thema und 11 Variationen) schon durch die Grundtonart c-moll und die ungewöhnliche Eröffnung einen dramatischeren Charakter erhält, der sich in den einzelnen Umformungen durch eine große Dynamik in Form eines weiten Spannungsbogens wiederspiegelt, der schließlich in einen kraftvoll-überzeugenden Abschluss mündet.
Romanze op. 23
Veröffentlicht 1871 gehört die Romanze op. 23 als ´große Schwester` von op. 15 in den Bereich der lyrisch-kantablen Konzertstücke in Anlehnung an Chopin mit einer weit ausschwingenden thematischen Grundlage voller Poesie und Wärme.
Ins Stammbuch op. 26
Aus dem Jahr 1872 stammen diese sieben Charakterstücke, deren Titel sich auf im 19. Jahrhundert beliebte Form des Freundschaftsalbums (Stammbuch) bezieht. Die einzelnen Überschriften lauten Andantino, Allegretto, Intermezzo, Romanze, Humoreske, Albumblatt und Capriccio. Die Stücke sind vorwiegend lyrisch-kantabler Natur in Anlehnung an Schumanns ´Albumblätter` und Mendelssohns ´Lieder ohne Worte`. Besonderer Beliebtheit erfreut(e) sich das erste Stück ´Andantino`.
Fantasie g-moll op. 27
Schon die Widmung an Hans von Bülow deutet darauf hin, dass Gernsheim sein 1872 veröffentlichtes op. 27 selbst für ausreichend gelungen hielt, um es einem gestandenen, hoch geschätzten Profi zu widmen, der auch die Uraufführung in München übernahm und – abgesehen vom Verbindungsteil zwischen Scherzo und Fuge – das Werk in höchsten Tönen lobte. Acht Charakterstücke lässt Gernsheim ohne deutliche Pausen ineinandergreifen: Allegro energico, Andante espressivo, Allegro molto vivace, Con brio, Allegro molto vivace, Molto Adagio, Allegro ma non troppo, und Andante espressivo. Dabei entwickelt er eine Mischform aus freier romantischer Fantasie und der Sonatenform mit hoher thematisch-motivischer Geschlossenheit, die auch im Wechsel von poetischer Lyrik und virtuosen, aber nie in reine Brillanz mündende Klaviertechnik an keiner Stelle verlorengeht. Dieser Komposition ist ein größerer Bekanntheitsgrad sehr zu wünschen.
Stimmungsbilder: Vier Klavierstücke op. 36
Die ´Stimmungsbilder` mit den Bezeichnungen Moderato, Andante espressivo, Allegro con fuoco ed energico und Allegro molto vivace e grazioso wurden 1877 veröffentlicht. Die einzelnen Stücke stehen bei einer eher introvertierten Grundstimmung für die musikalische Beschreibung emotionaler Momente, hörbar besonders im lyrischen zweiten Teil und im rhythmisch bewegten vierten Teil.
Zwei Klavierstücke op. 39
Veröffentlicht 1879 sind die beiden Klavierstücke konkret überschrieben: Nr. 1 mit ´Lied`, eine entsprechend sanglich-lyrische Tonstudie mit eingängiger Melodik, während Nr. 2 ´Gavotte` einen stilisierten barocken Tanz in die romantische Klangsprache überträgt.
Legende op. 44
Das 1883 entstandene Werk beschreibt keine konkreten Ereignisse, mit seinem freien, rhapsodischen Aufbau ist es eher den lyrischen Charakterstücken zuzuordnen. Dabei wechseln ruhige, erzählende Passagen mit dramatischen Steigerungen bei steten harmonischen Farbwechseln, eingebettet in eine kantable, weit ausladende Melodik. Op. 44 gehört zu den weniger bekannten Klavierwerken Gernsheims.
Symbole op. 59
Dieser fünfteilige Zyklus wurde 1894 veröffentlicht mit folgenden Überschriften: Nachtstück (kraftvoll in der Grundstimmung, dabei harmonisch differenziert), Elegie (zart, innig, aber durchaus kontrastreich), Im Schilf (eine in Teilen schon fast impressionistisch wirkende Studie), Romanze (lyrisch schwärmerisch, dabei konzis gestaltet) und Aeolus (ein bewegter, dem Gott des Windes angemessener Abschluss).
Vier Klavierstücke op. 61
1895 veröffentlicht gehören die ´Vier Klavierstücke op. 61` eindeutig zu Gernsheims ´reifen` Werken. Die einzelnen Stücke sind überschrieben: Idyll (Lento e sostenuto), Capriccio (Allegro agitato), Legende (Andante molto espressivo) und Impromptu (Allegretto grazioso e giocoso). Das dreiteilige Idyll lebt von der kantablen Melodik, während das folgende Capriccio – ebenfalls dreiteilig – mit bewegten Rhythmen, reichlich virtuosen Anforderungen und fast dramatischen Passagen glänzt. Die poetische Legende beruhigt die Stimmung mit den für Gernsheim typischen weit ausschwingenden Melodiebögen und ruhigen Harmoniewechseln, das Impromptu, das technisch anspruchsvollste Stück des Zyklus, beendet das Werk mit brillanten Figurationen in höchster Spielfreude.
Auf der Lagune op. 71
Eine Fantasie, veröffentlicht 1902, mit der Tempobezeichnung Andante espressivo, in ihrem episodischen Aufbau an eine ruhige See- oder Flusslandschaft, mit viel Vorstellungskraft auch an die venezianische Lagune erinnernd.
Tondichtung op. 72
Erschien ebenfalls 1902 in Gernsheims produktiver Spätphase und besteht aus vier zusammenhängenden Sätzen mit folgenden Titeln und Bezeichnungen: Hymnus (Allegro un poco largamente), Romanze (Adagio molto cantabile), Intermezzo (Allegretto vivace e con grazia – Un poco pesante – Tempo I) und Jubilate (Allegro energico e con brio). Deutlich zu erkennen ist der quasi sinfonische Anspruch der Komposition mit einem Spannungsbogen vom feierlichen Beginn hin zu einem lyrischen Mittelteil und einer Überleitung bis zu einem festlichen, virtuosen Finale. Die ´Tondichtung` gehört zu Gernsheims ambitioniertesten Klavierkompositionen.
Fantasie und Fuge op. 76b
Op. 76b ist eine autorisierte Fassung für Klavier des ursprünglich für Orgel geschriebenen Stücks aus den Jahren 1905/6.
Fantasie f-moll op. 81
Gernsheims letzte Komposition für das Klavier aus dem 1909, die in relativ knapper Form eine Art Quintessenz seines Klavierschaffens bietet: dichte motivische Verarbeitung in einer freien Struktur, spätromantisch harmonischen Reichtum bei ausgeprägter Chromatik verbunden mit hohen technischen Anforderungen an den Pianisten.
Es bleibt noch der Hinweis auf zwei für Klavier zu vier Händen verfasste Stücke:
Vier Tanzstücke op. 30
Ein Werk aus dem Jahr 1873 mit folgenden Sätzen und Bezeichnungen: Alla Mazurka (Energico. Molto moderato), All’Ongarese (Andantino quasi Allegretto), Walzer (Grazioso) und All’Ongarese (Sostenuto).
Fünf Tongedichte op. 67
Veröffentlicht im Jahr 1900 lauten die Titel: Angelus, Auf der Piazzetta, Ballade, Weihe der Nacht und Tanz. Drei dieser Titel hat Gernsheim ein Jahr später für Klavier solo bearbeitet und als op. 68 (Auf der Piazzetta), op. 69 (Weihe der Nacht) und op. 70 (Tanz – hier als Walzer bezeichnet) veröffentlicht.
Gernsheim gilt vollkommen zurecht in erster Linie als Orchester- und Kammermusik-Komponist. Dabei hat er auch ein vielfältiges Werk im Bereich der weltlichen und geistlichen Chormusik sowie von Liedern hinterlassen. Obwohl manche der Stücke aufgrund der stark auf dem Geist der Wilhelminischen Ära ruhenden, patriotisch geprägten dichterischen Grundlagen heute vermutlich nur schwer zu vermitteln sind, würde sich in so manchem Fall eine Wiederbelebung allein aus dem musikalischen Grund lohnen, dass es Gernsheim gelungen ist, ´die Chorkomposition aus der Sphäre geselliger Unterhaltung in die des Anspruchsvoll-Künstlerischen zu heben` (MGG). Die Reihe dieser Werke beginnt mit dem Wächterlied aus der Neujahrsnacht“ op. 7 (1866) für Männerchor und Orchester, sehr bald gefolgt von Salamis. Siegesgesang der Griechen op. 10 (1867) für Bariton, Männerchor und Orchester, nach einem Gedicht von Hermann Lingg, das die Seeschlacht beschreibt, in der die griechische Flotte die persischen Invasoren vernichtend schlägt. Weitere Werke ähnlicher Art mit patriotisch-pathetischen oder mythologischen Themen folgen in kurzem Abstand: Römische Leichenfeier op. 17 für Männerchor und Orchester (1869 – Text Hermann Lingg), Nordische Sommernacht op. 21 für Solisten, gemischten Chor und Orchester (1871 – Text: Hermann Lingg), Germania op. 24 für Männerchor und Orchester (1870/1 – Text: Friedrich Emil Rittershaus).
Als wichtiges Chorwerk gilt zurecht Agrippina – Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchester op. 45 (1881) auf einen Text von Hermann Lingg, der sich auf die Emotionen der römischen Kaiserin vor der Ermordung durch ihren Sohn Nero befasst und wurde 1882 in Rotterdam uraufgeführt. In seiner Ursprungsfassung erinnert manches an Brahms Alt-Rhapsodie op. 53, jedoch war dies sicher nicht Grund für eine Neufassung ohne Chor (veröffentlicht 1906) mit der Opuszahl 77, denn musikalisch kann das Werk mit seiner hochromantischen Sprache mit gelegentlichen Anklängen an Wagnersche Chromatik durchaus überzeugen.
In eine ähnliche Kategorie fallen Der Zaubermantel op. 55 für Sopran, Bariton/Alt, gemischten Chor und Klavier (1889) auf einen Text von Felix Dahn, der darin einen Teilaspekt der Artus-Sage um eheliche Treue behandelt, in dem ein magischer Mantel die entscheidende Rolle spielt, weil er lediglich einer absolut treuen Ehefrau perfekt passt und Hafis op. 56 für Soli, gemischten Chor und Klavier, eine Liederreihe auf Gedichte des persischen Dichters Hafis (auch Hafez – voller Name Mohammed Schams ed-Din) in der freien Nachdichtung von Georg Friedrich Daumer. Die Sammlung besteht aus insgesamt dreizehn Stücken in unterschiedlichen Besetzungen (Soli für Sopran und Bariton, reine Chor- und gemischte Besetzung.
Weiterhin erwähnenswert sind folgende Werke: Der Nornen Wiegenlied“ op. 65 für Chor und Orchester (1899), Der Nibelungen Überfahrt“ op. 73 für Sopran, Bariton, gemischten Chor und Orchester (1902) sowie Nänie“ op. 92 für gemischten Chor und Orchester (1916). Besonders das letzte Werk nach Schiller gehört zu den besten Schöpfungen Gernsheims und ist auch deshalb interessant, weil es den Vergleich mit den Vertonungen des Textes von Johannes Brahms und Hermann Goetz ermöglicht.
Ausgiebig widmete Gernsheim sich auch des im 19. Jahrhundert populären Männerchorwesens mit kleineren a-cappella-Werken (manche auch klavierbegleitet) wie Gesänge für Männerchor op. 40, Zwei Lieder für vier Männerstimmen op. 41, Lied der Städte op. 43, Festgruß op. 49 und Phöbos Apollon“ op. 60
Der geistlichen Chormusik hat Gernsheim nur wenig Beachtung geschenkt, dennoch gelten besonders Ein Preislied“ op. 58 für Soli, Chor und Orchester (1893) und das Spätwerk Te Deum“ op. 90 für gemischten Chor, Orgel und Orchester (1914/5) als wichtige Beiträge zu diesem Genre. Die wenigen weiteren Werke geistlicher Kompositionen sind Salve Regina op. 11 für Sopran, Frauenchor, Orgel und Orchester (1867), Ave Maria op. 80 für Chor und Orgel oder Klavier (veröff. 1916) und Zwei geistliche Gesänge op. 84 für achtstimmigen Chor (1913).
Insgesamt 42 Lieder hat Gernsheim geschrieben, zumeist aufgeteilt in Blöcke von 5 oder 6 Stücken. Die wichtigsten Zusammenstellungen sind die Sechs Lieder op. 14 u.a. auf Texte von Heine, Möricke und Rückert, die Sechs Lieder op. 29 für tiefe Stimme und Klavier (Texte u.a. von Goethe, Rückert und Daumer), Fünf Gedichte op. 74 auf Texte von Otto Julius Bierbaum aus dessen Gedicht-Sammlung ´Irrgarten der Liebe` und Liebesgedichte op. 88 – nach Gedichten von Ricarda Huch. Gernsheims Liedkompositionen stehen eindeutig in der Tradition der deutschen Romantik, Schubert ist in der zumeist lyrisch-melodischen Anlage als Vorbild ebenso herauszuhören wie Schumann und Mendelssohn und in späteren Werken auch Brahms. Dennoch beweist Gernsheim auch hier insofern eine gewisse Eigenständigkeit, als er zunehmend das Klavier aus der rein dienenden Rolle entlässt und zum gleichberechtigten Partner erhebt.
Literatur:
Karl Holl: Friedrich Gernsheim: Leben, Erscheinung und Werk, Leipzig 1928
Sandra Maria Ehnes: Die vier Sinfonien von Friedrich Gernsheim, Mainz 2013
Dietrich Kämper, Art. Gernsheim, Friedrich, Literatur in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York, ff., zuerst veröffentlicht 2002, online veröffentlicht 2016
