Clara Schumann

 

Clara Schumann
(1819 – 1896)

´Die Ausübung der Kunst ist ja ein grosses (sic) Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme!` schrieb Clara Schumann im Jahre 1868 an Johannes Brahms, den sie 1853 kennengelernt hatte und mit dem sie zeitlebens eng befreundet blieb, ohne dass aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung entstand. Aus der Aussage spricht deutlich ihre Freude an der Arbeit am Klavier, die sie im Kindesalter begonnen hatte und die sie ab 1856 nach dem Tod ihres Mannes aus dem schlichten Zwang der Versorgung ihrer grossen Familie wieder aufnahm, in späteren Jahren stärker von Auftrittsängsten geplagt als in jungen Jahren. Die folgenden Seiten jedoch sind ausschließlich der Komponistin Clara Schumann gewidmet, ihren 21 mit Opuszahlen versehenen Werken, aber auch einigen ohne Opus. Fast alle diese Werke entstanden zwischen 1829 und 1856, danach widmete sie sich wesentlich ihrer Karriere als Solistin, flankiert von Lehrtätigkeit und editorischen Aufgaben (hauptsächlich der Herausgabe der Werke Robert Schumanns).   

Clara Schumann, geb. Wieck wurde am 13. September 1819 in Leipzig geboren. Ihr Vater Friedrich war studierter Theologe, wirkte jedoch beruflich als Musikalienhändler und Klavierpädagoge, ihre Mutter Marianne, geb. Tromlitz war eine sehr begabte Pianistin und vor der Heirat Schülerin von Wieck. Die Eltern trennten sich vier Jahre nach ihrer Geburt, die Ehe wurde 1824 offiziell geschieden. Friedrich Wieck, bei dem die Kinder – Clara hatte drei Brüder, von denen der jüngste im Alter von drei Jahren verstarb – nach der Scheidung lebten, hatte sich wohl schon vor Claras Geburt entschieden, aus seiner Tochter eine vollendete Künstlerin zu formen und begann ihr im Alter von fünf Jahren neben intensivem Klavier- auch Unterricht in Musiktheorie, Kontrapunkt, Komposition, Violine und Gesang zu erteilen. Daneben erhielt sie Privatunterricht von verschiedenen Hauslehrern insbesondere in Fremdsprachen, bevorzugt Französisch und Englisch. Regelmäßig besuchte Wieck mit seiner Tochter auch Konzert- und Opernaufführungen in Leipzig. Ab 1830 ging er mit Clara auf Tourneen zunächst innerhalb Deutschlands, 1831/2 auch nach Paris. Den internationalen Durchbruch markierte eine Reihe von Konzerten in Prag und Wien 1837/8 (sie wurde für ihre herausragenden Leistungen am 4. März 1838 in Wien zur k.k. Kammervirtuosin ernannt). In der Zwischenzeit war Robert Schumann in ihr Leben getreten: sie kannte ihn bereits seit 1830, als er als Klavierschüler im Hause Wieck wohnte. Ab 1834 vertiefte sich ihre Beziehung, aber als Schumann 1836 Friedrich Wieck um die Hand seiner Tochter bittet, lehnt dieser ab. Ein Jahr später verloben sich Clara und Robert heimlich, mussten aber ihre Eheschließung gegen den erbitterten Widerstand des Vaters vor Gericht erstreiten, das ihnen 1839 die Ehe bewilligte, die sie am 12. September 1840 in Leipzig vollzogen. Dort lebten sie bis Ende 1844, dann ging es weiter nach Dresden. Auch wenn die Ehe als ´Künstlergemeinschaft` angedacht war, sie veränderte Claras Lebensumstände mehr oder minder komplett. Einmal abgesehen davon, dass sie zwischen 1841 und 1854 acht Kinder gebar, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten, erwies Robert sich bei Tourneen als problematischer Reisepartner, so dass derartige Unternehmungen rigoros reduziert wurden. Immerhin veranstaltete das Ehepaar Privatkonzerte und Clara konnte zudem insbesondere durch Klavierunterricht zum Lebensunterhalt beitragen, für ihre eigene künstlerische Entwicklung gab es jedoch nicht zuletzt infolge der beengten Wohnverhältnisse keine Möglichkeit. 1850 zogen die Schumanns von Dresden nach Düsseldorf, die Lebensumstände besserten sich, weil sie fortan eine größere Wohnung zur Verfügung hatten, in der sich auch Claras künstlerische Ambitionen entfalten konnte. So entstanden in Düsseldorf zwischen 1850 und 1853 ihre letzten mit Opuszahlen versehenen Kompositionen. 1854 unternahm Robert, dessen psychische Probleme sich in Düsseldorf immer weiter verschlechtert hatten, einen Selbstmordversuch, er wurde daraufhin in einer Nervenheilanstalt untergebracht. Auf Anraten der dortigen Ärzte durfte Clara ihn nicht besuchen, erst am 27. Juli 1856 sah sie Robert noch einmal, genau zwei Tage vor seinem Tod. Das Ableben ihres Mannes setzte Clara Existenz noch einmal komplett auf ´Anfang`. Sie war 37 Jahre alt und musste noch einmal zurück an den Punkt, den sie ab 1841 allmählich zugunsten ihres Mannes aufgegeben hatte: sie konzentrierte sich ab sofort komplett auf ihre Tätigkeit als Pianistin, gab zugleich jegliche Ambition als Komponistin auf. Noch im Todesjahr Roberts unternahm sie eine erste Tournee nach England, dem Land, in dem sie bis zum Jahr 1888 ihre größten Erfolge feiern sollte. Daneben trat sie viele Male in fast allen europäischen Ländern auf und natürlich auch in Deutschland, bevorzugt in ihrer Heimatstadt Leipzig. Ihre Konzerte waren – im Gegensatz zu ihrer Frühzeit – nunmehr geprägt von fast ausschließlich hochkarätigen Werken, insbesondere den Kompositionen ihres Mannes, die sie auch editorisch betreute.

1878 nahm sie eine Stelle als Klavierlehrerin am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a.M. an, gleichzeitig schränkte sie ihre bis dato umfangreiche Konzerttätigkeit aus gesundheitlichen Gründen ein. Ihr letzter öffentlicher Auftritt fand am 12. März 1890 in Frankfurt statt, zwei Jahre später gab sie auch ihr Lehramt auf. Clara Schumann starb am 20. Mai 1896 in Frankfurt a.M. an den Folgen eines Schlaganfalls, begraben wurde sie auf dem Alten Friedhof, Bonn neben ihrem Mann.

 

Klavierkonzert a-moll op. 7

Zunächst nur als Konzertsatz geplant, der 1833 geschrieben und 5. Mai 1834 von der Komponistin in Leipzig gespielt wurde, erweiterte Clara Schumann das Werk bis 1835 um zwei weitere Sätze, die jedoch nach Art eines durchkomponierten Stück nahtlos ineinander übergehen. Das gesamte Konzert (passender ist wohl die Bezeichnung ´Konzertstück`) wurde am 9. November 1835 in Leipzig unter der Leitung Felix Mendelssohns uraufgeführt und Louis Spohr gewidmet. Bedenkt man, dass Clara Schumann 14 Jahre alt war, als sie dieses Konzert schrieb, handelt es sich um eine mehr als respektable Leistung, auch wenn Robert für die Instrumentation verantwortlich zeichnet. Die drei Sätze sind bezeichnet Allegro maestoso, Romanze: Andante non troppo con grazia und Finale: Allegro non troppo, in denen sich durchaus Anklänge an ´virtuos` ausgerichtete Zeitgenossen wie Herz oder Kalkbrenner finden, die aber auch eine formale Eigenständigkeit Claras durchscheinen lässt, so im ersten Satz, als sie die Durchführung direkt in die Coda überführt, die dann die Überleitung zur Romanze bildet. In den beiden ersten Sätzen hat das Orchester eine reine Begleitfunktion, erst im Schlußsatz kommt es zu einer echten Interaktion zwischen Solist und Orchester. Die Begegnung mit einer der mir bekannten sechs Einspielungen (am besten Lauma Skride oder Ragna Schirmer) lohnt sich nicht nur für Klavierfans.

Konzertsatz f-moll

1847 entwarf Clara Schumann Grundgedanken zu einem zweiten Konzert, die sie ihrem Mann zu seinem Geburtstag am 8. Juni schenkte. Bei diesem Entwurf für einen Kopfsatz ist es leider geblieben. Der belgische Pianist und Schumann-Preisträger Jozef de Beenhouwer hat die vorhandenen 175 Takte 1994 bearbeitet und zu einem Konzertsatz zusammengefügt, der die fraglos vorhandene  Weiterentwicklung von Claras kompositorischen Ideen adäquat umsetzt. So wird das Orchester aus seiner reinen Begleitfunktion im frühen Konzert befreit und als gleichberechtigter Partner behandelt und auch strukturell geht die Komponistin anders mit dem Motivmaterial um: weniger sonatenhafte Dialektik, eher variable Illustration bestimmt das musikalische Geschehen.  

 

 

Klaviertrio g-moll op. 17

Das erste von lediglich zwei Kammermusikwerken, geschrieben 1846, war das Klaviertrio bereits zu Lebzeiten Clara Schumanns ihr bekanntestes Stück und zugleich das einzige, das in der zyklisch-viersätzigen Sonatenform steht. Die Sätze haben folgende Bezeichnungen:  Allegro moderato, Scherzo: Tempo di Menuetto, Andante – più animato und Allegretto. Der Kopfsatz unterscheidet sich insoweit von der ´üblichen` Sonatenform, als er auf die Aufstellung kontrastierender Themen verzichtet, sondern mit Ableitungen und Variationen ähnlicher motivischer Erfindungen arbeitet. Dabei bleibt die Abfolge Exposition, Durchführung, Reprise, Coda bestehen, die Übergänge sind jedoch weniger deutlich gekennzeichnet. Das Scherzo rückt an die zweite Stelle und kommt überraschend ruhig daher, wenn auch mit eindeutigem Menuett-Charakter, während im Trio eine Cellokantilene eingeführt wird, die auch in der Wiederholung des ersten Teils erklingt. Melodisch an ein Wiegenlied erinnernd, ist das Andante in dreiteiliger Liedform gesetzt mit einem Mittelteil, der mit seinem punktierten Rhythmus einen deutlichen Kontrast zur zarten Kantilene des ersten Teils bildet. Das Finale steht wieder in Sonatenform mit der Besonderheit, dass in der Durchführung ein Fugato erklingt, von dem Mendelssohn sehr beeindruckt war. Völlig unverständlich, dass Clara Schumann ihr Trio als ´weibisch-sentimental` bezeichnete, im Gegenteil: es ist ein ´schönes, hervorragend spielbares Musikstück` (Nancy B. Reich), das Robert Schumann und Johannes Brahms in ihren Trio-Kompositionen beeinflusste. Es existieren zahlreiche Einspielungen des Trios, ausnahmsweise auch von bekannten Ensembles wie dem Beaux Arts Trio, die dem Stück das weiblich-sentimentale komplett austreiben oder von Anne-Sophie Mutter mit Lambert Orkis und Pablo Ferrandez, im doppelten Sinne recht frisch aus dem Jahr 2021.

Drei Romanzen für Violine und Klavier op. 22

Ein weiterer Zyklus aus dem Jahr 1853, der mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Begegnung mit dem Geiger Joseph Joachim inspiriert wurde. Ähnlich wie die Klavierromanzen op. 21 steigert Clara Schumann die Tempi von Stück: Nr. 1: Andante molto (D-Dur), Nr. 2: Allegretto: Mit zartem Vortrage (g-Moll), Nr. 3: Leidenschaftlich schnell (B-Dur), belässt es aber insgesamt bei einem eher lyrischen Grundton, ohne allzu sehr in den Bereich der Salonmusik zu geraten. Die Violinromanzen gehörten zu den beliebtesten Kompositionen Clara Schumanns und sind sogar bis heute Bestandteil von so manchem Violinvirtuosen.  

 

Doppelte Vorbemerkung

Clara Schumann hat insbesondere durch die ´Frauenforschung` seit den 60er Jahren (MGG) eine Bedeutung erhalten, die – zumindest bezüglich ihrer kompositorischen Leistungen – leicht übertrieben scheint. Fraglos sind einige ihrer Werke hervorragend, insgesamt aber ist ihr Schaffen nicht ´das eines erstrangigen Komponisten` (Nancy B. Reich), nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil sie ab ihrer Lebensmitte nicht mehr komponiert hat. Dennoch bleibt ihr Schaffen eine Bereicherung der Musik des 19. Jahrhunderts und die Beschäftigung mit ihrem Werk ist allemal lohnenswert.

Noch ein Hinweis: die Opuszahlen reichen zwar bis Nr. 23, es sind jedoch lediglich 21 Werke veröffentlicht worden. Der Grund: die Nummern 18 und 19 sind nicht belegt, Vermutung: Clara hielt sie für die Herausgabe größerer Werke frei.

Weniger als die Hälfte ihrer Klavierkompositionen hat Clara Schumann 1878 in das sog. ´Pianofortewerk` übernommen, es fehlen fast alle frühen Arbeiten, namentlich op. 1 – 9 und op. 11, Stücke die sie zwischen ca. 1830 und 1839, also im Alter von 11 bis 20 Jahren geschrieben hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sind diese Stücke von hohem musikhistorischem Interesse, nicht zuletzt, weil bereits mit op. 2 der musikalische Austausch mit Robert Schumann beginnt.

Nach den Werken mit Opuszahl folgt eine kurze Einordnung weiterer Kompositionen für Klavier.

 

Vier Polonaisen op. 1

Geschrieben im Alter von ca. 11 Jahren in den Jahren 1829/30 (Tonarten: E-, C-, D- und noch einmal C-Dur) und veröffentlicht 1831 fand das Werk ein erstaunliches Echo in der damaligen Musikpresse. ´Recht artig ersonnen` hiess es im Wiener Allgemeinen Musikalischen Anzeiger und kein Geringerer als Ludwig Rellstab allerdings beklagte, dass kein ´Vernünftige(r) Schulexcercitia drucken lasse` und wies zudem auf die bisweilen etwas ´erzwungene Harmonik` hin. In der Tat fällt besonders in der zweiten und dritten Polonaise der recht freizügige harmonische Umgang auf, ansonsten aber sind die vier Stücke hübsch, aber auch eher harmlos.

Caprices en forme de Valse op. 2

Die Caprices (9 kurze, gefällige Dur-Stücke) entstanden vermutlich vor und während Clara Schumanns erster Konzertreise, die sie zwischen September 1831 und Mai 1832 über Weimar, Kassel und Frankfurt bis nach Paris führte. Es sind erste leichte Anklänge an Robert Schumann zu hören (er lebte vor Beginn der Tournee im Hause Wieck und arbeitete während dieser Zeit an seinen ´Papillons`, deren Struktur Clara somit bekannt gewesen sein könnte). Andere Einflüsse waren zweifellos die Tanzsätze Webers und Schuberts.

Romance variée op. 3

Die erste Robert Schumann gewidmete Komposition. Sie entstand ca. 1832, nach neuester Forschung stammt das Thema möglicherweise von Robert, der es selbst in seinem op. 5 verwendete. Das Stück selbst – veröffentlicht 1832 – ist wohl das schwächste Clara Schumanns, in den Variationen voller Stereotypen und eine insgesamt seichte Angelegenheit.

Valses romantiques op. 4

Entstanden im Jahr 1835 in Leipzig gab es neben der Klavierfassung auch eine Bearbeitung für Orchester, die leider verloren gegangen ist. In dem Stück, dessen Eröffnungsthema im Valse allemande in Robert Schumanns ´Carnaval op. 9` auftaucht, werden vier Walzerthemen, vielleicht besser – varianten harmonisch sehr phantasievoll aneinandergereiht, ehe das Stück in eine ausgedehnte Coda übergeht, die thematisch eigenständig konzipiert ist.

Quatre pièces caractéristiques op. 5

Opus 5 besteht aus vier Teilen, die zwischen 1834 und 1836 entstanden sind. Das Werk beginnt mit einem Impromptu mit dem Titel Le Sabbat, das von einer stetig wiederholten Figur beherrscht wird, die eine spukhafte Wirkung erzeugt, so dass es angezeigt war, diesen Teil nach einem Auftritt in Wien 1838 separat unter dem Titel ´Hexentanz` zu veröffentlichen. Teil 2 (Caprice à la Bolero) hat scherzoartigen Charakter mit einem lyrisch schwebenden Mittelteil, dem allerdings weiterhin die Spannung des ersten Teils innewohnt. Teil 3 ist schlicht als Romance (Andante con sentimento) überschrieben, wobei die erwartbare Dreiteiligkeit eher wie eine Erweiterung und nicht als Gegensatz zu Teil 1 und 3 klingt.  Der Schluß heisst Scène fantastique: Le Ballet des Revenants und greift zurück auf den spukhaften Beginn. Das Eröffnungsmotiv übernahm Robert Schumann leicht verändert in den ersten Satz seiner fis-moll-Sonate, andererseits sind durchaus auch Anklänge an Mendelssohns ´Sommernachtstraum` zu hören.

Soirées musicales op. 6

Ähnlich wie op. 5 ist dieses Werk eine Zusammenstellung von Charakterstücken der ´neuen romantischen` Tradition eines Chopin (Stücke Nr. 3 und 5: Mazurken g-moll und G-Dur sowie Nr. 4: Ballade), aber auch dessen Vorläufer John Field (Stück Nr. 2: Nocturne F-Dur) oder Johann Nepomuk Hummel, dessen Stil immer wieder durchscheint. Eingeleitet wird das Werk von einer Toccatina, die – abgesehen vom Mittelteil – mit ihrem schnellen, staccatohaften Tempo aus dem Rahmen fällt, denn die übrigen Stücke sind zart und verträumt. Das Anfangsmotiv der zweiten Mazurka (Nr. 5: G-Dur) findet sich auch in der Eröffnung von Robert Schumanns ´Davidsbündlertänzen` op. 6. Den Abschluss bildet eine Polonaise, an vierter Stelle steht eine Ballade, die Clara ihrem Gast Chopin ebenso wie die beiden Mazurken in Leipzig vorspielen konnte. Er soll sich lt. Tagebucheintrag begeistert gezeigt haben, genauso enthusiastisch zeigte sich Robert Schumann in einer Rezension der Neuen Zeitschrift für Musik über die zwischen 1834 und 1836 entstandenen Stücke.

Variations de Concert sur la Cavatine du Pirate de Bellini op. 8

Hinter dem 1837 erschienenen Stück mit dem etwas umständlichen Titel verbirgt sich thematisch der 2. Teil der Cavatine der Titelfigur Gualtiero aus dem 2. Akt von Il Pirata (´Ma non fia sempre odiata`). Es ist eines jener zeittypischen Stücke mit Bearbeitungen von Opernmelodien insbesondere italienischer Komponisten, in denen Pianisten sich alle möglichen Schwierigkeiten in die beweglichen Finger schrieben, um ihre technischen Fähigkeiten zur Schau zu stellen. So auch hier: eine schon fast überschwängliche Eröffnung geht über in abenteuerliche Sprünge, diverse Intervallsequenzen und schliesst mit einer gewaltigen Coda.

Souvenir de Vienne op. 9

Im Zusammenhang mit ihrer Ernennung zur kaiserlich-königlichen Kammervirtuosin im März 1838 schrieb bzw. vollendete Clara Schumann dieses Impromptu über Haydns sog. ´Kaiserhymne`. Es besteht aus einer phantasievollen Introduktion, dann folgen das Thema und zwei technisch anspruchsvolle Variationen.

Scherzo d-moll op. 10

Ebenfalls 1838 geschrieben ist dieses Scherzo das erste Klavierwerk, das Clara Schumann 1878 in ihr ´Pianofortewerk` übernommen hat. Es ist im Hauptthema gekennzeichnet von einem raschen, rhythmisch geprägten Tempo, das von zwei kontrastierenden Trios ergänzt wird, von denen das zweite auffällig lyrisch angelegt ist.

Trois Romances op. 11

Mit den Romanzen, geschrieben 1839 in Paris, verlässt Clara Schumann sowohl das Salonstück und zugleich auch die Fülle der figurativen und virtuosen Elemente der drei Vorgänger. Hier stehen Kompositionen (äußerlich in ABA-Form) von durchweg lyrischem Charakter, von denen besonders die zweite (Tonart: g-moll) zu einem regen brieflichen Austausch zwischen Clara und Robert geführt hat. Alle drei Romanzen führen die bisher als trivial geltende Gattung auf ein höheres kompositorisches Niveau, eine Entwicklung, die Clara Schumann mit op. 21 fortsetzte.

Scherzo c-moll op. 14

Wahrscheinlich 1844 entstanden beginnt dieses Stück mit einer bewegt angelegten Passage, die sich aber bald für einen Moment beruhigt (ohne Wiederholung im Schlußteil). Im Mittelteil erscheint ein ruhigeres Trio (überschrieben ´un poco piu tranquillo`, in dem Reich eine Anspielung auf ein Schumann-Lied zu erkennen meint: das Lied ´Aus alten Märchen` aus dem Zyklus ´Dichterliebe`.

Quatre Pièces Fugitives op. 15

Geschrieben zwischen 1841 und 1844 und ein Jahr später veröffentlicht fasst op. 15 vier ´flüchtige`, aber dennoch ausdrucksvolle Stücke mit den Bezeichnungen 1. Larghetto, 2. Un poco agitato, 3. Andante espressivo und 4. Scherzo zusammen. Besonders das Andante espressivo und das quasi hingehauchte Scherzo, das mit dem Scherzo der unveröffentlichten g-moll-Sonate identisch ist, gehörten zu Clara Schumanns bekanntesten und beliebtesten Werken.

Drei Präludien und Fugen op. 16

Es ist sicher kein Zufall, dass die Komposition des op. 16 mit Robert Schumann sog. ´Fugenpassion` des Jahres 1845 zusammenfiel, hatte das Ehepaar sich doch zunächst auf Anregung Roberts einigen kontrapunktischen Studien verschrieben. Die daraus entstandenen und gedruckten Stücke stehen in g-moll, B-Dur und d-moll, wobei die erste dreistimmig, die Nummern 16/2 und 16/3 vierstimmig gesetzt sind. Die Rezeption der Komposition war durchaus respektvoll mit dem Tenor ´Clara komponiere wie ein Mann`, zu verstehen vor dem gedanklichen Hintergrund, dass die Auseinandersetzung mit dem Kontrapunkt eine rein männliche Domäne sei.

Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 20

Im Mai und Juni 1853 geschrieben – also in der letzten kompositorischen Schaffensperiode Claras nach einer fünfjährigen Pause – als Robert Schumanns Gesundheitszustand immer kritischer wurde. Das Thema stammt aus seinen ´Bunten Blättern op. 94/4, es wird in sieben Variationen verarbeitet, deren Ziel hörbar nicht die Umarbeitung der Grundlage ist, sondern eher eines der Beleuchtung des Themas aus verschiedenen Blickwinkeln, wie mit der gesteigerten Klangfülle in Variation 3 oder der kanonischen Gestaltung der Variation 6. In der Coda zitiert Clara Schumann als Gegenstimme die Eröffnung ihrer Romance variée op. 3, ein Stück, das genau wie die Variationen op. 20 Robert Schumann gewidmet war.

Drei Romanzen op. 21

Zwei der 1855 als ´Romanzen-Zyklus` veröffentlichten und Johannes Brahms gewidmeten Stücke entstanden ebenfalls im Juni 1853 (21/2 – F-Dur und 21/3 – g-moll), während 21/1 – a-moll erst 1855 geschrieben wurde. Dem Typus der Romanze entspricht nur das erste Stück, das Andante überschrieben ist, während die folgenden beiden mit Allegretto und Agitato eine Temposteigerung vorsehen. 21/1 hat trotz eines lebendigen Mittelteils eher melancholischen Charakter, 21/2 ist mit seinem Scherzo-Charakter ohne Trio das kürzeste Stück, 21/3 – wieder dreiteilig – kontrastiert den erregten Hauptteil mit einem ruhigeren Mittelteil, der aber am insgesamt unsteten Charakter des Abschlusses nichts ändert.

Klaviersonate g-moll

Ein Werk, das sozusagen in Abschnitten entstand: 2 Sätze (das einleitende Allegro und das Scherzo des dritten Satzes) schenkte Clara Schumann ihrem Mann zu Weihnachten 1841. Die Sätze 2 und 4 fügte sie im Januar 1842 hinzu. Allerdings scheint zu keiner Zeit die Absicht bestanden zu haben, die Sonate zu veröffentlichen: das Scherzo erschien – leicht modifiziert – als Nr. 4 in den Pieces Fugitives op. 15, das gesamte Stück wurde 1989 zum ersten Mal öffentlich aufgeführt. Formal ist es aufgeteilt in einen Sonatensatz (Allegro), ein Adagio in dreiteiliger Liedform, das bereits erwähnte Scherzo sowie ein Rondo-Finale. Alle Sätze bewegen sich in den zur Entstehungszeit üblichen Konventionen.

Sonstige Klavierwerke

Neben den Kadenzen für zwei Beethoven-Konzerte (C-Dur op. 58 (1844) und c-moll op. 37 (1868) und Mozarts d-moll-Konzert KV 466 (Entstehung unbekannt), die Clara Schumann zur Eigenverwendung verfasst hat, sind für das Klavier erwähnenswert ein Impromptu E-Dur (1844), die Romanze a-moll (1853 – war ursprünglich vorgesehen als Nr. 1 von op. 21) und Romanze h-moll (1856) sowie Präludium und Fuge fis-moll (1845). Alle diese unveröffentlicht gebliebenen Stücke sind in verschiedenen Einspielungen nachzuhören, wobei besondere Aufmerksamkeit der kompletten Einspielung der Klavierwerke Clara Schumanns des Belgiers Jozef de Beenhouwer gebührt.

Drei Lieder op. 12

Angeregt von Robert setzte Clara Schumann nach ihrer Heirat 4 Rückert-Gedichte in Musik, die sie ihm im Juli 1841 zum Geburtstag schenkte. Drei davon übernahm er in einen Zyklus, der unter seinem Namen als op. 37 veröffentlicht wurde, ohne dass deutlich wurde, welche Lieder von wem geschrieben waren. Es heißt häufig, dass viele Hörer besonders die drei von Clara verfassten Stücke schätzten. In der Reihenfolge des op. 37 sind es die Nummern 2 ´Er ist gekommen`, Nr. 4 ´Liebst du um Schönheit` und Nr. 11 ´Warum willst du and`re fragen`. 1882 hat Clara Schumann die drei Lieder separat als ihr op. 12 herausgegeben.

Sechs Lieder op. 13

Wiederum angeregt von Robert entstanden zwischen Ende 1840 und Sommer 1843 weitere Lieder auf Texte von Emanuel Geibel, Heinrich Heine und Friedrich Rückert, die noch im Jahr 1843 in folgender Reihenfolge veröffentlicht wurden: Ich stand in dunklen Träumen (Heine), Sie liebten sich beide (Heine), Liebeszauber (Geibel), Der Mond kommt still gegangen (Rückert), Ich hab` in deinem Auge (Rückert) und Die stille Lotosblume (Geibel). Besonders das letzte Lied ist ´mit den rhythmischen Unregelmäßigkeiten, der eindringlichen Melodie und dem unaufgelösten Schluss höchst bemerkenswert` (Reich S. 330)

Sechs Lieder aus ´Jucunde` von Hermann Rollet op. 23

Es gilt als wahrscheinlich, dass Robert Schumann seine Frau 1853 zu dieser Komposition angeregt hat, während er die Gedichtsammlung Rollets gelesen hat. Sechs Lieder hat sie aus dem umfangreichen Werk romantischer, wenn auch zuweilen zu sentimentaler Lyrik vertont: 1.  Was weinst du, Blümlein, 2. An einem lichten Morgen, 3.Geheimes Flüstern hier und dort, 4. Auf einem grünen Hügel, 5.Das ist ein Tag, der klingen mag, 6. O Lust, o Lust. Die Nummern 2 und 5 schlagen einen eher fröhlich-spielerischen Ton an, insgesamt fällt eine größere Unabhängigkeit von Gesangs- und Begleitlinie im Vergleich zu früheren Liedkompositionen auf.

Neben den im Rahmen der drei Zyklen besprochenen Lieder sind weitere 13 Lieder von Clara Schumann erhalten, die komplett von der Sängerin Dorothea Craxton, begleitet vom Pianisten Hedayet Djeddikar aufgenommen wurden. Darunter finden sich vier Texte von Heine (u.a. ´Loreley`) und ´Das Veilchen` von Goethe.

Einen Sonderfall stellen die ´Drei gemischten Chöre nach Gedichten von Emanuel Geibel` aus dem Jahr 1848 dar, Clara Schumanns einziges Werk für vierstimmigen Chor.

Literatur:

Eva Weissweiler: Clara Schumann – Eine Biographie, Hamburg 1991

Janina Klassen: Clara Wieck-Schumann – Die Virtuosin als Komponistin – Studien zu ihrem Werk

Kassel, Basel, London, New York 1990

Nancy B. Reich: Clara Schumann – Romantik als Schicksal, Reinbek bei Hamburg 1993

Clara Schumann Studies ed. by Joe Davies – Cambridge Composer Studies – Cambridge University Press 2022

Janina Klassen, Art. Schumann, Clara (Josefine) in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, New York, Kassel, Stuttgart 2016ff., zuerst veröffentlicht 2006, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/533898