Joseph Joachim Raff

„Der verkannte Epigone?“

Joseph Joachim Raff (1822-1882)

Zu Lebzeiten gehörte Joseph Joachim Raff besonders mit seinen Orchesterwerken zu den populärsten Komponisten seiner Zeit, um nach seinem Tod sofort vergessen zu werden. Er hatte sich als junger Mann unter dem Einfluss Liszt zunächst der Neudeutschen Schule verschrieben, wandte sich jedoch relativ bald mehr und mehr der Tradition Mendelssohns und Schumanns bis hin zu Schubert und Beethoven. Unter Einbeziehung barocker Elemente und einer teilweise eigenwilligen Vergabe von Werktiteln entstand eine sehr individuelle Synthese, ohne dass dieser Ansatz von komponierenden Zeitgenossen aufgenommen wurde.

Das Genie Brahms und in etwas minderem Masse Bruckner setzten sich durch, Raff blieb ein relativ singuläres Phänomen. Nicht zuletzt trugen auch die um die Jahrhundertwende entstehenden Entwicklungen (Strauss, Mahler) zu seinem kompletten Verschwinden bei. Glücklicherweise wird Raff seit einiger Zeit insbesondere durch die Phonoindustrie wiederentdeckt, was Anlass zu der Hoffnung gibt, seine wichtigen Werke auch im Konzertsaal häufiger hören zu können.

Joseph Joachim Raff wurde am 27. Mai 1822 in Lachen im Kanton Schwyz geboren. Sein Vater war 1810 aus Württemberg in die Schweiz übergesiedelt, um der napoleonischen Zwangsrekrutierung zu entgehen. Er wirkte dort als Dorfschulmeister und Organist, seine bescheidenen Einkünfte erlaubten dem Sohn zwar kein Studium, immerhin aber eine humanistische Schulbildung, zunächst an einer Lateinschule in Schwaben, darauf an einem Jesuitenkollegium in Schwyz. 1840 ging Joachim Raff nach Rapperswil, arbeitete dort als Primarlehrer und setzte zugleich seine bereits früher begonnenen autodidaktischen Studien des Klaviers, der Violine und der Orgel fort. Zur gleichen Zeit begann er zunächst ausschließlich Klavierstücke zu komponieren, von denen er einige auf Anraten von Freunden an Felix Mendelssohn schickte, der so angetan war, dass er die Stücke seinem Verleger zur Veröffentlichung empfahl (daraus wurden op. 2 – 6). Danach entschloss sich Raff 1844 zu einem Leben als eigenständiger Komponist, zog nach Zürich, entscheidend für seine weitere Entwicklung aber wurde eine persönliche Begegnung mit Franz Liszt 1845 bei dessen Auftritt in Basel, den Raff im Anschluß auf den weiteren Stationen der Tournee nach Deutschland begleitete. Am Ende der Tournee verschaffte Liszt ihm eine Anstellung in Köln, wo es Raff nicht sehr lange hielt; es begannen einige unruhige Jahre, die ihn von Köln nach Stuttgart (wo er den jungen Hans von Bülow traf, mit dem er zeitlebens befreundet blieb), von dort ging es weiter nach Hamburg. In Köln hatte er Mendelssohn persönlich kennengelernt, der ihm eine Ausbildung am Leipziger Konservatorium anbot, ein Angebot, das durch Mendelssohns Tod im November 1847 obsolet wurde. Neben seiner rastlosen Kompositionstätigkeit (die er inzwischen auch auf großformatigere Werke ausgedehnt hatte) arbeitete Raff als Klavier- und Musiklehrer sowie als Journalist. Ab 1850 zog insofern Ruhe in sein Leben ein, als Liszt ihm eine Stellung als sein Assistent in Weimar anbot, dort war Liszt 1848 zum ordentlichen Hofkapellmeister berufen worden. Raffs Aufgaben waren vielfältig: übergeordnet füllte er die Rolle eines Sekretärs aus, der zudem als Kopist, Arrangeur, Orchestrator und manchmal auch als Aushilfs-Komponist spezielle zusätzliche Bereiche abdeckte. Allmählich aber war Raff mit dieser Rolle nicht mehr glücklich, möglich ist, dass er seine Arbeit von Liszt nicht ausreichend gewürdigt sah, der hingegen empfand Raff als undankbar. Die Spannungen verstärkten sich ab 1853 immer mehr und 1856 kam es zum endgültigen Bruch. Dabei mag auch Raffs beginnende kritische Distanz zu Wagners musikalischen Ideen eine Rolle gespielt haben, eine Distanz, die fraglos auf keinerlei Gegenliebe bei Liszt gestoßen sein wird. Raff, der seit 1853 mit der Schauspielerin Doris Genast verlobt war, verließ Weimar und ging nach Wiesbaden, wo seine Verlobte am Staatstheater als Schauspielerin engagiert war. Wiesbaden sollte sich als Glücksfall für Joachim Raff erweisen: er konnte seine Fähigkeiten relativ frei entfalten, indem er als freischaffender Komponist und Kritiker arbeitete, hier entstand eine Vielzahl seiner Werke, hier konnte er sich von den programmatischen Ideen der Neudeutschen Schule lösen, seine eigene Sprache finden. Viele seiner Kompositionen aus der Wiesbadener Zeit fanden schnell auch internationale Anerkennung, insbesondere seine Sinfonien machten ihn europaweit bekannt. Zudem kehrte auch in sein Privatleben ´bürgerliche` Ruhe ein: 1859 heiratete er Doris Genast, das einzige Kind, die Tochter Helene – spätere Texterin und Biografin ihres Vaters – kam 1865 auf die Welt. Insgesamt 21 erfolgreiche Jahre – bis 1877 – verbrachte Raff in Wiesbaden, als ihn der Ruf erreichte, erster Direktor des Hoch`schen Konservatoriums in Frankfurt zu werden, absolut eine Anerkennung seiner vieljährigen, mit großen Erfolgen verbundenen Wirkung als Komponist und endlich die ersehnte feste Anstellung mit einem gesicherten Einkommen. Im Jahr 1878 nahm das Konservatorium unter Raffs Leitung die Arbeit auf, der mit seinen Ideen und Maßnahmen der Einrichtung einen großen Stellenwert verschaffte, nicht zuletzt durch das Engagement namhafter Lehrkräfte (u.a. Clara Schumann). Raff blieb Direktor des Konservatoriums bis zu seinem unerwartet frühen Tod am 24. Juni 1882. Er starb an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof unter großer Anteilnahme der Bevölkerung begraben.

Sinfonie

Raff hat 12 Sinfonien geschrieben, von denen die erste aus dem Jahr 1854 (Grande Symphonie in e- moll – WoO 18) verloren gegangen ist, wir beginnen unseren Streifzug durch die elf erhaltenen Werke fünf Jahre später.

Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 96

Das Werk entstand zwischen 1859 und 1861, als es fertig war, hörte Raff von einem Kompositions-Wettbewerb der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, reichte die Sinfonie ein und bekam den ersten Preis. Josef Hellmesberger dirigierte die Uraufführung am 22. Februar 1863 im grossen Musikvereinssaal zu Wien. Ursprünglich hatte Raff die Komposition ohne Programm vorgestellt, die Verwendung eines zur Entstehungszeit sehr bekannten Liedes von Gustav Reichardt auf das Gedicht Ernst Moritz Arndts ´Was ist des Deutschen Vaterland` im vierten Satz war so auffällig, dass Raff nachträglich ein Programm verfasste und die Sinfonie den Titel ´An das Vaterland` bekam. Als einzige Sinfonie Raffs ist op. 96 fünfsätzig und die bei weitem umfangreichste Sinfonie des Komponisten mit einer Spieldauer von mehr als 60 Minuten incl. einiger kompositorischer Längen. Das eröffnende Allegro schwankt in kaum erkennbarer Sonatenform zwischen Schumann, Mendelssohn und Liszt mit Wagnerschen Einsprengseln. Im Scherzo: Allegro vivace ist im Hörnerklang deutsche Waldromantik zu hören, während im anschließenden Larghetto ein ausgedehnter, beeindruckend melodiöser Liedsatz erklingt. Satz 4 (Allegro drammatico) beschreibt lt. Programm die deutsche Zerrissenheit mit prominenter Nutzung des angeführten Lieds im Marsch-Rhythmus, aber im Schlußsatz (Larghetto sostenuto) mündet die anfängliche Klage über das Schicksal des ´Vaterlands` in die Hoffnung künftiger Einheit und Größe.

Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 140

Entstanden 1866, ist op. 140 die erste von lediglich zwei Sinfonien ohne Programm, ja sogar ohne Titel. Wie alle folgenden besteht sie aus vier Sätzen: Allegro, Andante con moto, Allegro vivace und Andante maestoso – Allegro con spirito. Die Uraufführung fand 1867 in Wiesbaden statt. Satz 1 ist ein klassischer Sonatensatz, dessen erstes Thema sofort erklingt, beginnend mit einem langsam ansteigenden Piano von Celli, Fagotten und zarten Einwürfen der Pauke, zu denen sich Bratschen und Klarinetten hinzugesellen, ehe das Thema glanzvoll vom ganzen Orchester aufgegriffen wird. Ein nicht unähnliches, eher lyrisch geprägtes zweites Thema wird vorgestellt, der Satz aber wird wesentlich bestimmt durch das kraftvolle erste Thema. Satz 2 wird bestimmt von einem leichten, fast volkstümlichen Thema, das nach einem rhythmisch schroffen Mittelteil beinahe hymnischen Charakter annimmt, zurücksinkt ins Piano und nach einem letzten Aufschwung von Pauken untermalt komplett versinkt. Ganz anders das feurige Scherzo, das nur kurz im Mittelteil in ruhigere Gefilde kommt, ansonsten aber temperamentvoll, dabei sehr differenziert instrumentiert erklingt. Das Finale beginnt mit einer erhabenen langsamen Einleitung, die fast unmerklich in den abschließenden Sonatensatz übergeht, der mit seiner Frische und dem großen Schwung den Bogen zum ersten Satz schließt und mit einer grandiosen, blechdominierten Coda endet.  

Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 153 ´Im Walde`

Mit der Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 153 gelang Raff der internationale Durchbruch als Sinfoniker. Sie entstand 1869 und wurde 1870 in Weimar uraufgeführt, fand aber schnell ihren Weg in viele europäische Länder und sogar über den Großen Teich, wo sie noch im 20. Jahrhundert erklang, u.a. unter der Leitung von keinem Geringeren als Arturo Toscanini. Das Werk besteht aus vier Sätzen, die sich über drei Abteilungen erstrecken, von denen jede mit einer Kurzbeschreibung versehen ist:

Abteilung 1: Allegro – Am Tage, Eindrücke und Empfindungen

Abteilung 2: In der Dämmerung  

            Teil A: Satz 2: Träumerei (Largo)

            Teil B: Satz 3: Tanz der Dryaden (Allegro assai)

Abteilung 3: Allegro – Nachts – Stilles Weben der Nacht im Walde, Einzug und Auszug der wilden Jagd mit Frau Holle und Wotan, Anbruch des Tages.

Der erste Satz spiegelt Stimmungen und Erlebnisse eines Wanderers in Form eines variantenreichen Sonatensatzes wider bis hin zu einer Jagdgesellschaft. Abteilung 2 setzt mit einem zarten Thema ein, das die Ruhe und Träume des Wanderers in der hereinbrechenden Dämmerung beschreibt, kurz wird er aufgeschreckt, aber die friedliche Stimmung kehrt bald zurück und der Satz verklingt in totaler Harmonie. Es folgt mit dem ´Tanz der Dryaden` eine deutliche Reminiszenz an Mendelssohn, obwohl nicht als Scherzo bezeichnet, lässt sich die Form nicht leugnen. Im letzten Satz wird es allmählich Nacht (Einleitung), dann erscheinen die nächtlichen Kobolde und Gespenster einschließlich Frau Holle und Wotan. Nach einer ruhigen Zwischenphase tauchen alle noch einmal auf. Die Stimmung verändert sich, in einer ausgedehnten Coda wird es langsam wieder hell, die hymnische ´Waldweise` vertreibt die Geister der Nacht.

Sinfonie Nr. 4 g-moll op. 167

Das Werk entstand im Frühling uns Sommer 1871 und wurde am 8. Februar 1872 in Wiesbaden uraufgeführt. Es ist die zweite und letzte Sinfonie Raffs ohne programmatische Hinweise. Sie ist traditionell viersätzig mit den Bezeichnungen Allegro, Allegro molto, Andante non troppo mosso und Allegro. Der Kopfsatz steigt unmittelbar in das erste Thema des Sonatensatzes ein, zügig wird ihm ein leichtes zweites Thema in den Holzbläsern gegenübergestellt und ebenso zügig setzt eine ausgedehnte Durchführung ein, die kaum noch Raum lässt für Reprise und Coda. Das anschließende Scherzo ist im Hauptteil geprägt von großem Schwung, während das Trio idyllisch, fast biedermeierlich klingt. Sehr gelungen, nicht nur wegen der Reminiszenz an Beethoven (Eroica Trauermarsch, vielleicht auch das Allegretto der 7. Sinfonie) ist Satz 3, ein Variationssatz mit acht Varianten, die nach zwei Aufschwüngen zum Ende den Gestus des Trauermarsches wiederaufnehmen. Im Finale greift Raff zunächst zurück auf den Beginn des Kopfsatzes, dann setzt ein typisches Kehraus-Finale ein, leider thematisch mit wenig Substanz, dafür am Ende fast schon aufdringlich lärmend.

Sinfonie Nr. 5 E-Dur op. 177

Fertiggestellt 1872, inspiriert von der zur Entstehungszeit der Sinfonie bekannten und beliebten Ballade ´Lenore` des Dichters Gottfried August Bürger, gilt Raffs Fünfte als sein bestes sinfonisches Werk. Die Premiere im privaten Kreis fand im Dezember 1872 in Sonderhausen statt, die erste öffentliche Aufführung im Folgejahr in Berlin. Ähnlich wie die dritte Sinfonie besteht die Komposition aus drei Abschnitten, über die sich vier separate Sätze verteilen. Der erste Abschnitt umfasst die Sätze 1 und 2: Allegro sowie Andante quasi Larghetto, in denen das ´Liebesglück` des Paares Lenore und ihres Verlobten Wilhelm in Musik gesetzt wird. Raff sprach bei Teil 1 auch vom ´Streben nach Glück` wobei gerade in diesem Teil die kommende Tragödie bereits deutlich durchscheint. Dem langsamen Satz gab er zusätzlich die Bezeichnung ´Genießen der gemeinsamen Zeit`, eine in leicht abgewandelter Rondoform gestaltete Liebesszene. Abschnitt 2 (Satz 3) unter der Überschrift ´Trennung` wartet mit deftig, grellen Marschrhythmen auf, die im Mittelteil in den Abschied der Liebenden mündet, ehe der Marsch zurückkehrt und – in Umkehrung des Beginns – langsam verklingt. Das Finale ´Wiedervereinigung im Tode` geht direkt auf den abschließenden Höllenritt in Bürgers Ballade ein, dabei ausschließlich auf thematisches Material der ersten Sätze zurückgreifend, die in einer reinen, ausgedehnten Durchführung verarbeitet werden, dann aber – die Tonalität geht von Moll nach Dur – führt das schon im ersten Satz angedeutete Choralthema die Liebenden endgültig im Tod zusammen.

Sinfonie Nr. 6 d-moll op. 189

Schon ein Jahr nach dem großen Erfolg der 5. Sinfonie vollendete Raff sein nächstes großformatiges Werk mit dem sperrigen Untertitel: Gelebt – Gestrebt, Gelitten – Gestritten, Gestorben – Umworben, der sich nicht – wie man annehmen könnte – auf menschliche Beziehungen, sondern auf die Vergänglichkeit der künstlerischen Anerkennung bezieht. Das legt zumindest ein Brief Raffs an seinen Freund von Bülow nahe, wichtig für die konstruktive Bedeutung dieses ´Programms` scheint mir aber die Tatsache, dass Raff beim Druck 1875 keinen Wert mehr auf die Veröffentlichung gelegt hat. Wir können also eher von einem Stück absoluter Musik ausgehen. Der Kopfsatz (Allegro non troppo) steht in Sonatenform mit wenig prägnanten Themen, aber einer sehr farbigen Instrumentation. Das folgende Vivace steht noch am ehesten für den programmatischen Hinweis der Ablehnung: es entpuppt sich als flottes Scherzo mit einem kurzen liedhaften Trio. Das Larghetto, quasi Marcia funebre ist leicht variiert monothematisch aufgebaut, während das Finale (Allegro con spirito) wieder in Sonatenform steht und zumindest zeitweise optimistisch klingt, aber definitiv mit einer triumphalen Coda endet. Der Nachruhm ist also gesichert?

Sinfonie Nr. 7 D-Dur op. 201

Komponiert 1875, gab Raff seiner 7. Sinfonie den Untertitel ´In den Alpen` mit folgenden Satzbezeichnungen:  Wanderung im Hochgebirg (Andante – Allegro), In der Herberge (Andante quasi allegro), Am See (Larghetto) und Beim Schwingfest – Abschied (Allegro). Die massiv instrumentierte langsame Einleitung des Kopfsatzes weckt fraglos das Bild grandioser Bergmassive, ein Eindruck, der sich im Allegro kaum wiederholt, eher entsteht in der ausgedehnten, ein wenig überbordenden Durchführung das Bild blühender Wiesen einer Hochalm. Im zweiten Satz erklingt ein frei gestaltetes Scherzo, in dem das tänzerisch angelegte Hauptthema im Trio von einer schwärmerischen Melodie abgelöst wird. Der langsame Satz ist besinnlich monothematisch angelegt: eine ruhige Melodie wird zweimal ganz langsam gesteigert und verklingt schließlich von Hörnerklängen eingeleitet im Piano. Das Finale beschreibt in Rondoform das nur Schweizern geläufige Schwingfest, bei dem die Teilnehmer versuchen, ihren Gegner mit der linken Hand zu Boden zu werfen, während die rechte Hand in der Taille gehalten wird. Nachdem das Kampfgeschehen musikalisch eingehend behandelt wurde, beruhigt sich die Stimmung, Themen der vorausgegangenen Sätze erscheinen und die Sinfonie endet mit einer prachtvollen Coda.

Sinfonie Nr. 8 A-Dur op. 205

Bevor Raff sich an die Arbeit für diese Sinfonie mit dem Beinamen ´Frühlingsklänge` machte, vollendete er eine andere, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, aber schließlich als 11. Sinfonie in sein Werkverzeichnis einging (weitere Details finden sich unter Sinfonie Nr. 11). Die ´Frühlingsklänge` schrieb Raff im Laufe des Sommers und Herbsts 1876, die Satzbezeichnungen sind bewusst ´einsilbig`, dafür sprechen die Untertitel für sich. Im Einzelnen: Allegro (Frühlings Rückkehr, Allegro (In der Walpurgisnacht), Larghetto (Mit dem ersten Blumenstrauß) und Allegro (Wanderlust). Nach einer nur durch lange Notenwerte erzeugte langsamen Einleitung erscheint das beschwingte Hauptthema, das in beständigem Fluss – ergänzt von einem ruhigeren zweiten Gedanken – den Satz gestaltet, in dem die Sonatenform gerade noch schemenhaft erkennbar bleibt. Im zweiten Satz wird das Scherzo von einer ´freien` Tondichtung ersetzt mit einem adäquaten Hexentanz aus Anlass der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Jetzt ist es Zeit für die ersten zärtlichen Frühlingsgefühle (ohne Trompeten und Posaunen und natürlich Pauken) mit einem zarten Larghetto, das dem Filmkomponisten Bernard Hermann so gut gefiel, das er es um 50er Jahre mehrfach isoliert in seine Programme mit dem CBS Orchester aufnahm. Das Finale leidet bei allem instrumentalen Einfallsreichtum unter den wenig prägnanten Themen und einer allzu großen Ausdehnung, die auch durch die an Haydn erinnernde, mehrfach verlängerte Coda nicht verständlich wird.

Sinfonie Nr. 9 e-moll op. 208

Raff vollendete seine neunte Sinfonie im Herbst 1878, die Uraufführung fand am 28. März 1879 in Wiesbaden statt, sie gehörte neben der fünften zu seinen beliebtesten sinfonischen Werken. Auch hier liegt den vier Sätzen ein Programm zugrunde, folgerichtig nach dem Frühling lautet der Titel ´Im Sommer`. Die Satzfolge: Allegro (Ein heißer Tag), Allegro (Die Jagd der Elfen), Larghetto (Ekloge) und Allegro (Zum Erntekranz). Das Werk beginnt im pianissimo, flirrend, man meint die Hitze zu spüren, mündet dann in ein markantes fröhliches Thema, das zu den besten Erfindungen Raffs gehört. Ein zweites Thema wird nach einem Fugato eingeführt. In der Durchführung wird es stürmisch (ein Gewitter?), eine wirkliche Beruhigung tritt auch in Reprise und Coda nicht ein. Satz 2 hat Raff selbst ein detaillierteres Programm gegeben: 1. Versammlung der Elfen, 2. Oberon und Titania, 3. Die Jagd und 4. Rückkehr der Elfen mit Oberon und Titania. Aus diesen Zutaten formt Raff ein komplexes Scherzo mit Reminiszenzen an Mendelssohns ´Sommernachtstraum`. Das Larghetto führt zurück zu einem idyllischen antiken Hirtengesang und weist aufgrund seiner geringen Ausdehnung eher den Charakter eines Intermezzos auf. Das abschließende Erntedankfest besteht aus einer Abfolge selbständiger Episoden, die sich formal endgültig nur in der Einspielung mit dem Dirigenten Werner Andreas Albert erschließt, denn er spielt als einziger auch die 150 Takte des Mittelteils, die die Rondo-Konzeption des Satzes verdeutlichen.

Sinfonie Nr. 10 f-moll op. 213

Raff komponierte die f-moll-Sinfonie 1979, die Uraufführung erfolgte am 12. 11. 1880 in Wiesbaden. Ein Jahr später arbeitete er das Werk insoweit um, als er den 3. Satz austauschte und das Finale umschrieb. Diese Version wurde 1881 uraufgeführt. Der Untertitel zu op. 213 lautet folgerichtig ´Zur Herbstzeit`, die einzelnen Sätze sind folgendermaßen bezeichnet: Allegro moderato (Eindrücke und Empfindungen), Allegro (Gespenster-Reigen), Adagio (Elegie) und Allegro (Die Jagd der Menschen). Der Kopfsatz steht in Sonatenform, wie häufig bei Raff nicht ganz leicht zu identifizieren, weil er Motive und Themen gern überlagert, wobei es sehr gut gelingt, dem Untertitel gerecht zu werden.  Satz 2 ist eines der inzwischen wohlbekannten, eher heiteren als geheimnisvollen Scherzi Raffs aus der Geisterwelt, ein Satz, den sein Freund Hans von Bülow gern separiert als Zugabe verwendete. Die neu komponierte dreiteilige Elegie ist für mich der Höhepunkt der Sinfonie, ein getragenes, berückendes Thema bestimmt das Geschehen, variabel instrumentiert und bis zum Ende im piano fesselnd. Dem Finale hat Raff noch folgende weitere Erläuterungen mitgegeben: Auszug – Rast – Jagd – Halali – Rückkehr, eine Beschreibung, die dem Hörer alle Hilfen gibt, den Ablauf des leider thematisch wenig mitreißenden Satzes zu verfolgen.

Sinfonie Nr. 11 a-moll op. 214

Mit op. 214 schließt sich der Jahreszeiten-Kreis, wir sind im ´Winter` angekommen. Raff hatte das Stück bereits 1876 geschrieben, dann aber wegen der Reihenfolge zurückgehalten, so dass es erst nach seinem Tod am 21. Februar 1883 uraufgeführt wurde. Die vier Sätze haben – abgesehen vom Scherzo – natürlich Titel: Allegro (Der erste Schnee), Allegretto, Larghetto (Am Kamin) und Allegro (Carneval). Im Kopfsatz erscheinen in Form eines Sonatensatzes sowohl die Freuden als auch die möglichen Probleme des ersten Schnees. Das Scherzo ist eine recht konventionelle Angelegenheit mit einigen humorigen Einsprengseln. ´Am Kamin` geht es dann zumeist ruhiger zu, dagegen bringt das Finale eine dem Anlass angemessen quirlige, fast überdrehte Thematik, die zum Ende noch etwas mehr Tempo aufnimmt und die Sinfonie zu einem strahlenden Abschluss bringt. Der Winter ist gegangen!

 

WEITERE ORCHESTERWERKE

Bereits im Frühjahr 1857 begann Raff, sich mit dem Thema der Suite zu befassen, zunächst in Form von Klavierstücken (op. 69, 71 und 72), zwei Jahre zuvor jedoch hatte er trotz der ´neudeutschen` Tendenz seines Ziehvaters Liszt eine Sinfonie geschrieben, die nicht erhalten ist, aus der allerdings zwei Sätze in eine Orchestersuite eingeflossen sind, die Raff 1863 fertigstellte, parallel zu seiner Sinfonie op. 96, die interessanterweise seine einzige mit fünf Sätzen bleiben sollte.

Suite für Orchester Nr. 1 C-Dur op. 101

Die Uraufführung fand am 26. Februar 1864 in Karlsruhe statt, es folgten innerhalb der nächsten zehn Jahre mehr als 30 erfolgreiche Aufführungen. Das Werk ist fünfteilig, beginnt (Maestoso) mit einer etwas pompösen, harmonisch variierten Introduktion, die in eine facettenreiche Fuge mündet. Das folgende Menuett (Allegro molto) hat Raff später selbst als Scherzo bezeichnet, obwohl es mit dem ersten Satz eher zu den historisierenden Teilen der Komposition gehört. Für das Adagietto hat Raff sogar eine kurze Höranweisung verfasst: ´Es ist schöner Sommerabend; der Componist macht seinen Spaziergang, und hört hier ein frisches Männerquartett, weiterhin die Unterhaltung eines Liebespaares.`  Die Sätze 4 (Scherzo: Presto) und 5 Marsch – Deciso (Allegro) sind aus der verschollenen frühen Sinfonie entnommen, wobei Raff im Scherzo – genauso wie in manchen Sinfonien –  an Mendelssohns ´Sommernachtstraum` anknüpft, während der abschließende Marsch nach einem eher ruhigen Beginn zum Ende kräftig auftrumpft.

Suite für Orchester Nr. 2 F-Dur op. 194

Im Gegensatz zur ersten Suite hat Raff op. 194 einen Titel gegeben, der ´In ungarischer Weisen` lautet, doch damit nicht genug, auch die fünf Sätze des 1874 vollendeten Werks, haben beschreibende Untertitel. Fast militärisch beginnt Satz 1 (Ouvertüre – An der Grenze – Adagio – Allegro), in dem sich im Verlauf ruhige mit stürmischen Passagen in Sonatenform abwechseln. Ein zartes, delikat instrumentiertes Larghetto (Auf der Puszta – Träumerei) schließt sich an, monothematisch, lediglich im Mittelteil kraftvoll ausgeweitet. In Satz 3 wohnen wir einem Aufzug der Honved (also der königlich ungarischen Landwehr) bei, natürlich in Form eines Marsches, während im folgenden Satz das gemeine Volk zu Wort kommt (Volkslied mit Variationen). Nach dem einfachen Thema folgen neun Variationen (1. con moto, 2. Tempo 1 a rigore, 3. con moto, 4. Energico 5. Tempo I a rigore 6. u. 7. con moto, 8. energico und 9. die Viertel doppelt so schnell als zuvor). Der Schlußsatz beginnt mit einer intensiven langsamen Einleitung (Larghetto), die tatsächlich einen Hauch eines ungarischen Untertons besitzt, genauso wie das folgende Allegro. Der ganze Satz ist bezeichnet mit ´Vor der Csárda`, vermutlich als Hinweis auf das fröhliche Treiben vor einem Landgasthof, dem Csàrda`.

Italienische Suite für Orchester c-moll WoO 35

Bei dieser Komposition aus dem Jahr 1871 ließ Raff keinen Zweifel an ihrer gedanklichen Herkunft, auch die Satzbezeichnungen geben eindeutige Hinweise auf den italienischen Duft der einzelnen Teile. Raff hatte wohl die Absicht, die Komposition noch einmal zu überarbeiten, konnte dieses Vorhaben aber nicht mehr umsetzen, so dass sie erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Der erste Satz (Allegro molto) in Sonatenform ist noch neutral mit ´Ouvertüre` bezeichnet, aber schon im nächsten Satz, bezeichnet mit Barcarole (Andantino), kann man in dem Sonatenrondo durchaus das sanfte Schaukeln der Gondeln verspüren. Das folgende Intermezzo mit dem Titel ´Pulcinella` (Presto) nach der tölpelhaften, aber durchaus schlauen Commedia del`Arte-Figur ist stark rhythmisch und sehr subtiler Instrumentierung bestimmt. Ganz anders das Notturno (Andante non troppo lento), zunächst erklingt nach kurzer Einleitung ein Liebeslied als Duett zwischen Cello und Klarinette. Nur kurz taucht im Orchester Unruhe auf, dann führen die beiden Führungs-Instrumente das Geschehen zu einem seligen Ende. Den Schluss bildet eine wirbelnde Tarantelle (Molto vivace), in der sich zwei Themen intensiv kontrapunktisch beflügeln.

Suite für Orchester ´Aus Thüringen` B-Dur WoO 46

Raffs letzte Suiten-Komposition aus dem Jahr 1875 (uraufgeführt 1878) und auch hier lässt er durch den Titel keinen Zweifel am Inhalt. Wir befinden uns in deutschen Landen und begrüßen im ersten Satz (Allegro) unter dem Titel ´Salus intrantibus` die Gäste, teilweise mit hörbar gemischten Gefühlen. Im anschließenden Larghetto (Elisabethenhymne) huldigen wir der Schutzheiligen des Landes. Danach wird es im Reigen der Gnomen und Sylphen (Vivace) leicht spukhaft und wieder lässt Mendelssohn grüßen. Im vierten Satz erklingt das Volkslied ´Ach, wie ists möglich dann` als Grundlage für diverse Variationen, ehe ein ausgelassenes ´Ländliches Fest` (Allegro, quasi Marcia gioiosa) die Suite beschließt. Insgesamt ein beschwingtes, leichtes Werk, das vermutlich insbesondere bei Freiluft-Konzerten großen Erfolg gehabt hat.

 

SHAKESPEARE-VORSPIELE

Wahrscheinlich ist es Zufall, aber wie bei den Suiten schrieb Raff vier Vorspiele zu Shakespeare-Dramen, vermutlich ist das gemeinsame Entstehungsjahr der Vorspiele 1879. Nur zwei (Der Sturm und Macbeth) wurden zu Raffs Lebzeiten aufgeführt. Die Reihe beginnt mit

Vorspiel ´Der Sturm` nach Shakespeare WoO 49

Erwartungsgemäß beginnt das Stück ´stürmisch`, hellt sich aber bald auf, motivisch einzelne Personen vorstellend: es beginnt mit Prospero mit einem Choral-Thema, übergehend in einen auf den Luftgeist Ariel anspielenden Teil. So ist es denkbar, die folgenden musikalischen Gedanken mit dem Liebespaar Ferdinand und Miranda sowie Caliban in Verbindung zu bringen. Danach taucht noch einmal kurz das Sturm-Motiv auf, abgelöst vom Auftritt König Alonsos und schließlich der Verschwörer in einer seltsam ungeordneten Fuge. Alle diese Motive werden in der Folge vermengt, mal nach-, mal übereinander, ehe das Ganze in eine Art höfischen Tanz des vorherigen Jahrhunderts mündet, kompositorisch allerdings mit den Mitteln der Romantik.

Vorspiel ´Macbeth` nach Shakespeare WoO 50

Schon im Vorspiel ´Der Sturm` zeigt sich ein Hang zu einer Art additiver Kompositionstechnik, ein Weg, den Raff im ´Macbeth` noch konsequenter beschreitet. Es reiht sich Motiv an Motiv, Episode an Episode, weit entfernt von klassischen formalen Ideen. Insgesamt sind es nach dem Raff-Kenner Avrohom Leichtling 12 musikalische Gedanken, die sich auf folgende Personen bzw. Ereignisse beziehen: nach einer Einleitung der Posaunen und Hörner in Teil 1 (Tonart: c-moll) Hexen, Macbeth, Banquo, Duncan, Macduff und Lady Macbeth. Im zweiten Teil, hauptsächlich C-Dur, der Kampf zwischen Macduff und Macbeth (eingeleitet von Trommelwirbeln), Macbeths Tod und die Thronbesteigung Malcolms, dessen Motiv zum Ende erweitert wird und das Stück zu einem auffallend plakativen Abschluss führt. Mit diesem Vorspiel nähern wir uns einer musikalischen Form des 20. und 21. Jahrhunderts, der Filmmusik.

Vorspiel ´Romeo und Julia` nach Shakespeare WoO 51

Das Stück ist auf zwei Themen/Motiven aufgebaut, wobei man sicher falsch liegt, wenn man dahinter die Capulets und die Montagues bzw. Julia und Romeo vermutet. Das erste Thema ist eher lyrisch und streicherbestimmt, Thema 2 wird stärker von Bläsern getragen. Eine Art Durchführung geht über in ein ausgedehntes, von Trauer durchzogenes Mittelstück im piano, das sich über zwei Steigerungen am Ende in beide sich überlappende Themen des Beginns mündet, noch einmal die tödliche Familienfehde symbolisierend.

Vorspiel ´Othello` nach Shakespeare WoO 52

Ganz im Gegensatz zu ´Macbeth` stellt das Vorspiel ´Othello` eine einzige Beziehung des Dramas in den Mittelpunkt: die Beziehung des Titelhelden zu seiner Frau Desdemona, eingegrenzt auf seine krankhafte Eifersucht. Das Stück beginnt mit einer sprunghaften, lebhaften Einleitung (Othello?), die ohne Überleitung in ein lyrisches Thema mündet (Liebesszene?), wobei bereits hier auch dunklere Untertöne erklingen. Eine Variation der Einleitung erklingt gefolgt von einer Passage, die zunächst wie ein Dialog wirkt, dann aber nach einer fatalen Entscheidung klingt, ein letztes vergebliches Flehen endet mit der Katastrophe von Mord und Selbstmord.

WEITERE OUVERTÜREN UND ORCHESTERWERKE

Die Reihe dieser Kompositionen ohne klaren programmatischen Bezug beginnt mit der Jubel-Ouvertüre op. 103 aus dem Jahr 1864, verfasst aus Anlass des 25jährigen Thronjubiläums des Herzog Adolph von Nassau. Das Material des Werks basiert auf der englischen Nationalhymne ´God save the Queen (King), deren Melodie zunächst piano vorgestellt und dann in diversen unterschiedlichen Instrumentierungen und Variationen verarbeitet wird. Ebenfalls 1864 entstand die Fest-Ouvertüre op. 117, gewidmet ist sie dem württembergischen König, die Uraufführung am 14. Dezember 1865 dirigierte Carl Reinecke. Eine langsame Einleitung mit zarten Holzbläser- und weichen Hörnerklängen führt in einen Sonatensatz mit einem Marsch als Hauptthema und einer ´doppelten` Durchführung. Schon 1862 schrieb Raff die Konzertouvertüre op. 123, die aber erst vier Jahre später veröffentlicht wurde. Das Stück besteht aus einem Sonatensatz mit einer Fugato-getriebenen Durchführung und einer ausgedehnten, beeindruckend gesteigerten Coda. Die Ouvertüre ´Ein feste Burg ist unser Gott` op. 127 entstand in einer ersten Fassung bereits 1854 als Vorspiel zur Bühnenmusik des Schauspiels ´Bernhard von Weimar` von Wilhelm Genast, dem Bruder von Raffs Ehefrau Doris. Die endgültige Version schrieb Raff 1865, sie ist seinem Freund Hans von Bülow gewidmet. Eine dunkel gefärbte langsame Einleitung (Andante religioso) stellt in den Holzbläsern das bekannte Hauptthema vor, mündet in einen Sonatensatz, dessen Themen aus dem Lutherschen Choral abgeleitet sind. Noch einmal wird im Andante das Hauptthema – klanglich gesteigert – aufgegriffen, den Schluss bildet ein triumphales Allegro. Als Einzelsätze überlebten die ursprünglich als Satz 3 der Sinfonie Nr. 10 (Zur Herbstzeit) vorgesehene Elegie für Orchester WoO 48 und ein Stück mit dem Titel Abends – Rhapsodie für Orchester op. 163b, die Instrumentation des 5. Teils der Suite für Klavier op. 163. Einen Einblick in Raffs Instrumentierungskunst verbunden mit seinem großen Interesse an der Musik des Barock bietet zudem die Orchestrierung von Bachs Chaconne d-moll BWV 1004  WoO 39. Der Vollständigkeit halber sei noch hingewiesen auf den Festmarsch op. 159

Klavierkonzert c-moll op. 185

Einen ersten Entwurf zu seinem Klavierkonzert stellte Raff 1870 fertig, vollendete das Werk jedoch erst im Frühjahr 1873. Er widmete es seinem Freund Hans von Bülow, der bei der Uraufführung am 30. Juli 1873 den Klavierpart übernahm. Die Komposition ist dreisätzig, Satz 1 (Allegro) steht in Sonatenform mit der Abweichung eines dritten leidenschaftlich-lyrischen Gedanken, der die beiden eher vorwärtsdrängenden Hauptthemen wirkungsvoll kontrastiert. Am Ende des Satzes werden die drei Themen in einer effektvollen Coda miteinander verwoben, übereinandergelegt und zu einem grandiosen Schluss geführt. Das folgende Andante quasi Larghetto beginnt mit einer verträumten, von der Oboe getragenen Passage, danach ergänzt von weiteren leisen, rhapsodisch auftretenden Motiven, ehe das Orchester zu einem Aufschwung ansetzt, der ein neues kraftvolles Thema mit großer Intensität vorstellt. Am Ende des Satzes kehrt die Stimmung des Beginns in einer Art Reprise zurück und führt diesen sehr stimmigen Satz zu seinem zarten Ende. Im Finale (Allegro) alternieren ein marschartiges und lebendiges, heiteres Thema, auch hier gesellt sich ein weiteres, vom Piano eingeführtes Motiv hinzu, das dem Komponisten noch einmal die Möglichkeit bietet, seine kontrapunktischen Fähigkeiten in den klangvollen Schlusswendungen des Satzes zu zeigen. 

Suite für Klavier und Orchester Es-Dur op. 200

Die fünfsätzige Suite entstand 1875. Satz 1 (Introduktion und Fuge) beginnt mit einem grandiosen Einsatz des Orchesters, der – verkürzt – zweimal wiederholt wird, abgelöst vom Klavier, das trotz der angedeuteten Ausschnitte des Fugenthemas eher kadenzartigen Charakter besitzt. Mit Einsatz der Fuge scheinen besonders im Orchester immer wieder Sonatensatz-ähnliche Passagen auf, die entfernt an Beethovens ´Große Fuge op. 133` erinnern. Satz 2 (Menuett) setzt ein nach Art eines Militärmarsches, dem Raff als Gegensatz wiederholt höchst romantische Töne – bevorzugt des Klaviers – gegenüberstellt. In Satz 3 greift Raff auf eine in Frankreich des 18. Jahrhunderts beliebte Kombination aus den Tanzformen ´Gavotte und Musette` zurück. Satz 4 – als ´Cavatina` bezeichnet – erweist sich durch die Einführung eines zweiten Motivs eher als verkürzter Sonatensatz denn als das erwartbare schlichte Arioso. Im Finale zitiert Raff als Seitenthema das Fugenmotiv aus Satz 1 – verwandelt in eine tänzerisch-leichte Gestalt nach französischem Vorbild – und stellt dem heroischen Charakter des Beginns eine heitere Schlussnote an die Seite.

Ode an den Frühling op. 76

Etwa sechs Monate nachdem Raff Weimar Richtung Wiesbaden verlassen hatte, entstand 1857 dieses einsätzige Stück für Klavier und Orchester. Eine zarte Orchestereinleitung geht über in eine ausgedehnte Klavierpassage, in der sich am Ende auch das Solocello beteiligt. Daraus entwickelt sich der für Raff so typische Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester einschließlich der Blechfanfaren, die den Beginn des Frühlings ankündigen. Danach feiert das Stück mit lyrisch-heiteren Klängen die neue Jahreszeit.

Violinkonzert Nr. 1 h-moll op. 161

Das dreisätzige Werk vollendete Raff 1871. Satz 1 (Allegro patetico) setzt mit einer markanten Orchesterpassage ein, die vom Solisten – leicht lyrisch modifiziert – übernommen wird und nach der Vorstellung eines kantablen Seitenthemas in einen Sonatensatz mündet, der in Durchführung und Reprise stark von dialogischen Sequenzen bestimmt wird und schließlich in der Coda zum markanten Beginn zurückführt. Satz 2 (Andante non troppo) ist in weiten Teilen ein melodisch schlichtes, zartes Stück, lediglich zum Ende schwingt sich das Orchester für einen kurzen Moment zu kraftvolleren Tönen auf, die vom Solisten übernommen werden, ehe der Satz wieder in die Ruhe des Beginns zurückgleitet. Satz 3 (Allegro trionfale – Poco più mosso) macht seiner Bezeichnung alle Ehre: dreimal erklingt diese marschartige Passage, verbunden von weicheren, durchaus auch kadenzierenden Einschüben der Violine, ehe sich Solist und Orchester zum Ende in leuchtendem Dur zusammenfinden.

Violinkonzert Nr. 2 a-moll op. 206

Das ebenfalls dreisätzige Violinkonzert a-moll entstand 1877, die Bezeichnungen der Sätze lauten schlicht Allegro, Adagio und Allegro. Der erste Satz in Sonatenform hat einen in Teilen fast geheimnisvoll fließenden Charakter, lediglich das Orchester schwingt sich an zwei Stellen (Beginn Durchführung und Reprise) zu klaren thematischen Statements auf, während die Coda überraschend zurückhaltend klingt. Ähnlich strömend wie Satz 1 ist auch das Adagio angelegt, mit einem Thema, das aus dem Hauptthema des Allegro abgeleitet ist und in immer neuen Klangfarben variiert wird. Nur einmal erklingt das Thema im vollen Glanz des Orchesters. Auch der dritte Satz ist geprägt von dem schon bekannten dialogisch-leisen Fluss zwischen Violine und wechselnden Gruppen des Orchesters (hier und da unterbrochen vom Tutti-Einschüben), allerdings fehlt dem thematischen Material die notwendige Prägnanz.

Suite für Violine und Orchester g-moll op. 181

Die Suite entstand 1873 und wurde noch im selben Jahr veröffentlicht und uraufgeführt. Sie besteht aus fünf Sätzen, deren Titel an barocke Vorbilder anknüpfen, die Komposition steht jedoch zumeist fest in der Romantik. Ein energisches Preludio: Allegro in g-moll leitet ein, gefolgt von einem Minuetto: Largamente in G – Poco piu mosso in Es-Dur – Tempo I in G von in den Orchesterpassagen ´würdevollem` Charakter. Satz 3 ist ein Corrente: Allegro in G, besser bekannt als der Dreiertanz Courante. Mit der anschließenden Aria: Larghetto in c-moll begegnen wir dem Herzstück der Suite, einer warmen, expressiven Komposition voller romantischer Wendungen. Den Abschluss bildet ein Finale: Allegro vivo mit dem Untertitel ´Perpetuum mobile`, das mit seiner permanenten Energie an das Preludio anknüpft.

La Fée d`Amour für Violine und Orchester op. 67

Geschrieben hat Raff dieses konzertartig angelegte Stück aus Anlass der Verlobung mit Doris Genast 1854 in Weimar. Die drei Abschnitte sind überschrieben mit Allegro e delicatamento, Largamente ma dolce cantando sowie Allegro. Vieles – insbesondere im ersten und dritten Teil, die zudem thematisch miteinander verschränkt sind, erinnert an Mendelssohns ´Sommernachtstraum`. Im Finale gibt Raff dem Solisten in einer ausgedehnten Kadenz Gelegenheit zu großer Entfaltung, was ebenso ein Grund gewesen sein könnte wie der romantische Liebesgesang des Mittelteils für die Wertschätzung der Komposition, die Pablo de Sarasate nachgesagt wird.

Drei weitere Stücke für Violine und Orchester hat Raff aus ursprünglich mit Klavierbegleitung gesetzten Werken herausgelöst und instrumentiert: die Cavatina für Violine und Orchester, ursprünglich Teil 3 der Six Morceaux für Violine und Klavier op. 85 sowie zwei Stücke aus Volker, zyklische Tondichtung für Violine und Klavier, op. 203, den Ungarischen und die Berceuse für Violine und Orchester.

Cellokonzert Nr. 1 d-moll op. 193

 

Gesch

Klavierkonzert c-moll op. 185

Einen ersten Entwurf zu seinem Klavierkonzert stellte Raff 1870 fertig, vollendete das Werk jedoch erst im Frühjahr 1873. Er widmete es seinem Freund Hans von Bülow, der bei der Uraufführung am 30. Juli 1873 den Klavierpart übernahm. Die Komposition ist dreisätzig, Satz 1 (Allegro) steht in Sonatenform mit der Abweichung eines dritten leidenschaftlich-lyrischen Gedanken, der die beiden eher vorwärtsdrängenden Hauptthemen wirkungsvoll kontrastiert. Am Ende des Satzes werden die drei Themen in einer effektvollen Coda miteinander verwoben, übereinandergelegt und zu einem grandiosen Schluss geführt. Das folgende Andante quasi Larghetto beginnt mit einer verträumten, von der Oboe getragenen Passage, danach ergänzt von weiteren leisen, rhapsodisch auftretenden Motiven, ehe das Orchester zu einem Aufschwung ansetzt, der ein neues kraftvolles Thema mit großer Intensität vorstellt. Am Ende des Satzes kehrt die Stimmung des Beginns in einer Art Reprise zurück und führt diesen sehr stimmigen Satz zu seinem zarten Ende. Im Finale (Allegro) alternieren ein marschartiges und lebendiges, heiteres Thema, auch hier gesellt sich ein weiteres, vom Piano eingeführtes Motiv hinzu, das dem Komponisten noch einmal die Möglichkeit bietet, seine kontrapunktischen Fähigkeiten in den klangvollen Schlusswendungen des Satzes zu zeigen. 

Suite für Klavier und Orchester Es-Dur op. 200

Die fünfsätzige Suite entstand 1875. Satz 1 (Introduktion und Fuge) beginnt mit einem grandiosen Einsatz des Orchesters, der – verkürzt – zweimal wiederholt wird, abgelöst vom Klavier, das trotz der angedeuteten Ausschnitte des Fugenthemas eher kadenzartigen Charakter besitzt. Mit Einsatz der Fuge scheinen besonders im Orchester immer wieder Sonatensatz-ähnliche Passagen auf, die entfernt an Beethovens ´Große Fuge op. 133` erinnern. Satz 2 (Menuett) setzt ein nach Art eines Militärmarsches, dem Raff als Gegensatz wiederholt höchst romantische Töne – bevorzugt des Klaviers – gegenüberstellt. In Satz 3 greift Raff auf eine in Frankreich des 18. Jahrhunderts beliebte Kombination aus den Tanzformen ´Gavotte und Musette` zurück. Satz 4 – als ´Cavatina` bezeichnet – erweist sich durch die Einführung eines zweiten Motivs eher als verkürzter Sonatensatz denn als das erwartbare schlichte Arioso. Im Finale zitiert Raff als Seitenthema das Fugenmotiv aus Satz 1 – verwandelt in eine tänzerisch-leichte Gestalt nach französischem Vorbild – und stellt dem heroischen Charakter des Beginns eine heitere Schlussnote an die Seite.

Ode an den Frühling op. 76

Etwa sechs Monate nachdem Raff Weimar Richtung Wiesbaden verlassen hatte, entstand 1857 dieses einsätzige Stück für Klavier und Orchester. Eine zarte Orchestereinleitung geht über in eine ausgedehnte Klavierpassage, in der sich am Ende auch das Solocello beteiligt. Daraus entwickelt sich der für Raff so typische Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester einschließlich der Blechfanfaren, die den Beginn des Frühlings ankündigen. Danach feiert das Stück mit lyrisch-heiteren Klängen die neue Jahreszeit.

Violinkonzert Nr. 1 h-moll op. 161

Das dreisätzige Werk vollendete Raff 1871. Satz 1 (Allegro patetico) setzt mit einer markanten Orchesterpassage ein, die vom Solisten – leicht lyrisch modifiziert – übernommen wird und nach der Vorstellung eines kantablen Seitenthemas in einen Sonatensatz mündet, der in Durchführung und Reprise stark von dialogischen Sequenzen bestimmt wird und schließlich in der Coda zum markanten Beginn zurückführt. Satz 2 (Andante non troppo) ist in weiten Teilen ein melodisch schlichtes, zartes Stück, lediglich zum Ende schwingt sich das Orchester für einen kurzen Moment zu kraftvolleren Tönen auf, die vom Solisten übernommen werden, ehe der Satz wieder in die Ruhe des Beginns zurückgleitet. Satz 3 (Allegro trionfale – Poco più mosso) macht seiner Bezeichnung alle Ehre: dreimal erklingt diese marschartige Passage, verbunden von weicheren, durchaus auch kadenzierenden Einschüben der Violine, ehe sich Solist und Orchester zum Ende in leuchtendem Dur zusammenfinden.

Violinkonzert Nr. 2 a-moll op. 206

Das ebenfalls dreisätzige Violinkonzert a-moll entstand 1877, die Bezeichnungen der Sätze lauten schlicht Allegro, Adagio und Allegro. Der erste Satz in Sonatenform hat einen in Teilen fast geheimnisvoll fließenden Charakter, lediglich das Orchester schwingt sich an zwei Stellen (Beginn Durchführung und Reprise) zu klaren thematischen Statements auf, während die Coda überraschend zurückhaltend klingt. Ähnlich strömend wie Satz 1 ist auch das Adagio angelegt, mit einem Thema, das aus dem Hauptthema des Allegro abgeleitet ist und in immer neuen Klangfarben variiert wird. Nur einmal erklingt das Thema im vollen Glanz des Orchesters. Auch der dritte Satz ist geprägt von dem schon bekannten dialogisch-leisen Fluss zwischen Violine und wechselnden Gruppen des Orchesters (hier und da unterbrochen vom Tutti-Einschüben), allerdings fehlt dem thematischen Material die notwendige Prägnanz.

Suite für Violine und Orchester g-moll op. 181

Die Suite entstand 1873 und wurde noch im selben Jahr veröffentlicht und uraufgeführt. Sie besteht aus fünf Sätzen, deren Titel an barocke Vorbilder anknüpfen, die Komposition steht jedoch zumeist fest in der Romantik. Ein energisches Preludio: Allegro in g-moll leitet ein, gefolgt von einem Minuetto: Largamente in G – Poco piu mosso in Es-Dur – Tempo I in G von in den Orchesterpassagen ´würdevollem` Charakter. Satz 3 ist ein Corrente: Allegro in G, besser bekannt als der Dreiertanz Courante. Mit der anschließenden Aria: Larghetto in c-moll begegnen wir dem Herzstück der Suite, einer warmen, expressiven Komposition voller romantischer Wendungen. Den Abschluss bildet ein Finale: Allegro vivo mit dem Untertitel ´Perpetuum mobile`, das mit seiner permanenten Energie an das Preludio anknüpft.

La Fée d`Amour für Violine und Orchester op. 67

Geschrieben hat Raff dieses konzertartig angelegte Stück aus Anlass der Verlobung mit Doris Genast 1854 in Weimar. Die drei Abschnitte sind überschrieben mit Allegro e delicatamento, Largamente ma dolce cantando sowie Allegro. Vieles – insbesondere im ersten und dritten Teil, die zudem thematisch miteinander verschränkt sind, erinnert an Mendelssohns ´Sommernachtstraum`. Im Finale gibt Raff dem Solisten in einer ausgedehnten Kadenz Gelegenheit zu großer Entfaltung, was ebenso ein Grund gewesen sein könnte wie der romantische Liebesgesang des Mittelteils für die Wertschätzung der Komposition, die Pablo de Sarasate nachgesagt wird.

Drei weitere Stücke für Violine und Orchester hat Raff aus ursprünglich mit Klavierbegleitung gesetzten Werken herausgelöst und instrumentiert: die Cavatina für Violine und Orchester, ursprünglich Teil 3 der Six Morceaux für Violine und Klavier op. 85 sowie zwei Stücke aus Volker, zyklische Tondichtung für Violine und Klavier, op. 203, den Ungarischen und die Berceuse für Violine und Orchester.

Cellokonzert Nr. 1 d-moll op. 193

Geschrieben 1874/75, klassisch dreisätzig (Allegro, Larghetto und Finale: Vivace) wird ab Beginn des Konzerts deutlich, dass dem Soloinstrument die Hauptrolle zukommt: nach einer zweitaktigen Eröffnung mit tremolierenden Streichern und einer Paukenfigur, die den Sonatensatz durchziehen wird, setzt das Cello mit dem rhythmisch prägnanten Hauptthema ein und auch das kantable, einprägsame Seitenthema wird vom Solisten vorgestellt. Durchführung und Reprise sind konzis gehalten, dafür aber erhält der Solist in einer ausgiebigen Kadenz Gelegenheit, seine virtuosen Fähigkeiten zu zeigen. In der Coda leitet das Orchester mit dem Hauptthema attacca in den zweiten Satz über, in dem wiederum das Cello das leicht elegische, liedhafte Thema einführt, das in der Folge in zarten Abtönungen bei reduziertem Orchester behutsam variiert wird, manchmal fast kammermusikalisch gesetzt und schließlich pianissimo verklingt. Das Finale mit seiner rondoartigen Abfolge eröffnet das Orchester mit einem rhythmisch pointierten Motiv, das vom Cello übernommen und virtuos fortgeführt wird. Der ständige Dialog zwischen Solist und Orchester endet mit einer kraftvollen Coda, einem eindeutigen Schlusspunkt dieses beeindruckenden Werks. Merkwürdig, dass es angesichts des relativ schmalen Angebots an Cellokonzerten kaum im Konzert zu hören ist.     

Cellokonzert Nr. 2 G-Dur WoO 45

Raffs zweites Cellokonzert entstand 1876, wurde aber erst sehr lange nach seinem Tod im Jahr 1993 veröffentlicht. Es besteht aus drei Sätzen mit den Bezeichnungen Allegro, Andante und Allegro vivace, in denen der überwiegend gelöste, sangliche Tonfall auffällt. Der Eröffnungssatz steht in  Sonatenform mit erweiterten Seitengedanken, das Andante steht mit seiner volksliednahen Melodik formal zwischen Lied- und Variationsform, während das heitere Finale episodisch aufgebaut ist und den virtuos geforderten Cellisten mit einer ausgiebigen Kadenz belohnt.

Sonate

Raffs Klaviersonaten-Kompositionen umfassen lediglich 3 Werke und selbst diese geringe Zahl gibt Raum für einige Verwirrung, denn die Sonaten es-moll op. 14 (ein Jugendwerk aus dem Jahr 1844 – bezeichnet als Sonate avec Fugue) und die Sonate es-moll op. 81 (1881) werden häufig als identische Stücke angesehen. Dabei handelt es sich beim späteren keineswegs um eine Bearbeitung des frühen Stücks, sondern eine Neukomposition.

Große Sonate für Klavier es-moll op. 81 (manchmal auch bezeichnet als op. 14)

Raffs vorletzte Klavierkomposition aus dem November/Dezember 1881, im Folgejahr posthum veröffentlicht. Das Werk hat vier Sätze mit den Bezeichnungen Allegro, Allegro molto, Larghetto sowie Allegro- Animato – Più mosso. Die Komposition weist mit ihrer mehr als halbstündigen Dauer sinfonische Dimensionen auf, die im Kopfsatz eine Sonatensatzstruktur hinter einem eher episodenhaften Aufbau mit zumeist spröden melodischen Wendungen verbirgt. Das kurze Allegro molto beginnt und endet sprunghaft, umso lyrischer erscheint dem Hörer der zarte Klang des Mittelteils. Wie oft bei Raff stellt der folgende langsame Satz das Herzstück der Komposition dar: ruhige, stimmungsvolle Melodien bestimmen Teil 1 und 3 des Satzes, im Mittelteil abgelöst von lebhafteren Klängen. Im Gegensatz zu den kontrapunktisch reich gestalteten Vorgängern ist das Finale trotz des eingebauten Fugato – eine Reminiszenz an das Frühwerk? – einfacher strukturiert und bringt – nach Es-Dur gewandt – das Werk zu einem versöhnlichen Schluss.

Fantasie-Sonate op. 168

Trotz der hohen Opuszahl ist op. 168 die mittlere der drei Sonaten Raffs, geschrieben im Herbst 1871 und seinem französischen Komponistenkollegen Camille Saint-Saens gewidmet, womit er sich bewusst von den damals üblichen Triumphgebärden abheben wollte. Obwohl formal durchkomponiert, lassen sich drei Abschnitte in dem Stück identifizieren, die zudem thematisch miteinander verknüpft sind. Eine langsame Einleitung bereitet Teil 1 vor, überschrieben Allegro patetico, das eine Art rhapsodischer Sonatenform darstellt, deren sangliches zweites Thema im anschließenden Largo phantasievoll variiert wird. In der letzten Variation erscheint wieder das kraftvolle Thema des ersten Teils, das in den Schluss – Allegro molto – überleitet, das langsam gesteigert, in das abschließende Presto mündet.

 

Suiten für Klavier

An die Stelle der klassischen Klaviersonate hat Raff bewusst die Komposition von Suiten für Klavier gesetzt, in denen er ´barocke` Grundformen mit romantischer Harmonik und Virtuosität verbinden, sich damit insbesondere durch die Verwendung einzelner Charakterstücke und Tänzen größere formale Freiheit erlauben konnte.

Suite Nr. 1 für Klavier a-moll op. 69

Die Suite op. 69 hat Raff 1857 geschrieben. Sie besteht aus 5 Sätzen, beginnend mit einem formal freien Preludio, gefolgt von einer an Chopin erinnernden Mazurka, woraus der geneigte Hörer durchaus schließen darf, dass Raff weniger an den ´barocken` Bezeichnungen als vielmehr an der musikalischen Vielfalt gelegen war, in die er alte Formen interpretierte. Teil 3 ist Toccatina überschrieben und noch am ehesten rückwärtsgewandt, dabei z.T. hochvirtuos, wohingegen die anschließende Aria romantischer gar nicht sein kann und den Melodiker Raff von seiner besten Seite zeigt. In einem anderen Sinn zeigt die abschließende Fuga das Können Raffs: hier als absolut fähiger Kontrapunktiker.

Suite Nr. 2 für Klavier C-Dur op. 71

Ebenfalls 1857 entstand die C-Dur-Suite, auch sie besteht aus 5 Sätzen, eingeleitet wie Nr. 1 von einem frei gestalteten Preludio, auf das eine dreiteilige Polka folgt, ein fröhliches, elegantes Stück. Die rhythmisch lebendige Toccatina voller Spielfreude und virtuosen Anforderungen wird abgelöst von einer lyrischen Romance, der man eine Nähe zum ´Lied ohne Worte` Mendelssohns durchaus attestieren darf. Die Schlussfuge beweist zum wiederholten Mal Raffs kontrapunktische Kenntnisse und Fähigkeiten.

Suite Nr. 3 für Klavier e-moll op. 72

Noch eine frühe Suite aus dem Jahr 1857, deren Abfolge ihren beiden Vorgängern gleicht, lediglich die Mazurka resp. Polka wird durch ein Minuetto ersetzt. Auch formal bleibt Raff bei den zuvor gefundenen Lösungen, von der Klangfülle allerdings, besonders im Preludio, aber auch der Toccata, ist manche Passage dichter und voller ausgearbeitet, so als wollte Raff den barocken Formen den endgültigen hochromantischen Touch geben. Liszt soll sich sehr positiv über das Ergebnis geäußert haben.  

Suite Nr. 4 für Klavier e-moll op. 91

Die 1859 entstandene vierte Suite unterscheidet sich zum einen durch ihre Ausdehnung von mehr als 40 Minuten von den drei Vorgängern (Spieldauer in allen drei Fällen unter 20 Minuten), sondern auch vom Aufbau. Die Komposition besteht aus vier Sätzen, wobei die bisher stets am Ende stehende Fuge den Beginn des Werks markiert. Fantasia und Fuga heißt Satz 1, es folgen mit Giga con Variazioni, Cavatina und Marcia drei weitere ausladende Sätze, die Raff wieder ausgiebig Gelegenheit geben, seine kontrapunktischen Neigungen und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Dabei bleibt die kompositorische Sprache klar und durchsichtig, wenn sie auch für meinen Geschmack an manchen Stellen etwas konziser hätte sein dürfen.

Suite Nr. 5 für Klavier g-moll op. 162

Diese Suite – entstanden 1870 – stellt in zweierlei Hinsicht eine ´Ausnahme` dar: zum einen wählt Raff keine barocken Tanzbezeichnungen als Überschriften, zum anderen kommt er mit diesem Stück formal sehr nah an die Klaviersonate. Schon im ersten Teil – Elegie in Sonatenform – lässt Raff diese Intention mehr als nur durchscheinen, bestätigt die Idee mit Satz 2 – Volkslied mit Variationen – in allen 10 Teilen des aus einem Larghetto-Thema entwickelten Satzes. Dem folgenden, sehr eingängigen Ländler kann man durchaus Scherzo-Charakter zubilligen und der Schluss, Märchen überschrieben, ist eine typische freie Fantasie mit zahlreichen harmonischen Wendungen, eingebettet in ein flottes Allegro vivo Kehraus-Tempo.

Suite Nr. 6 für Klavier G-Dur op. 163

Im Jahr 1871 griff Raff mit der 6. Suite für Klavier seine Originalidee wieder auf, diesmal auf 6 Sätze erweitert und durchgehend mit barocken Tanzformen bezeichnet, wenn man vom ersten Teil, einem Präludium genannten ersten Satz, absieht. Es folgen in dieser Reihenfolge eine Allemande in dreiteiliger Form, eine liedhafte, wenngleich melodisch etwas blasse Romanze, ein verspieltes Menuett mit deutlich kontrastierendem Trio, ein formal freies Stück mit der Bezeichnung Rhapsodie, das dem Ausführenden einige Virtuosität abverlangt und am deutlichsten seine Entstehungszeit erkennen lässt und zum Schluss, nein, ausnahmsweise keine Fuga, sondern eine fast motorisch ablaufende Gigue in angenäherter Rondoform.

Suite für Klavier Nr. 7 B-Dur op. 204

Die Suite entstand 1876, hat wie die Vorgängerin 6 Sätze, die sich von den Titeln her noch einmal deutlich an brocken Mustern orientieren, allerdings mit dem Zusatz einer generellen Tempovorgabe pro Satz. So hat das einleitende Prelude die Bezeichnung Larghetto, die folgende Sarabande geht im romantischen Gewand mit ihrem getragenen Adagio zurück auf den fast ´gravitätischen` barocken Sarabanden-Typus. Ähnlich verhält es sich mit dem spielerisch-lebhaften Rigaudon (Allegro), während das Menuet die Bezeichnung Andante lediglich im Trioteil einlöst. Die Air mit der Bezeichnung Largo erinnert in Anlage und im Tonfall an ein ´Lied ohne Worte` früherer Zeiten, der Abschluß hingegen (Tambourine – Allegro molto vivace) fasst noch einmal Raffs Grundidee zusammen, als er die virtuosen und dynamischen Elemente des Zyklus in der Grundtonart bündelt.

 

Sonstige Klavierwerke

Neben den ´großen` Kompositionen hat Raff eine fast unüberschaubare Zahl von in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr bekannten und beliebten Miniaturen für Klavier geschrieben, zu Beginn seiner Laufbahn fraglos mit Blick auf die bürgerliche Hausmusik (häufig auch gern pauschal als ´Salonmusik` abqualifiziert, die allerdings bis hinein in die 60er Jahre Raffs Haupt-Einnahmequelle darstellte). Dazu gehörten zahllose Charakterstücke (einen lückenlosen Überblick bietet die englische Webseite https://www.raff.org/catalogue auf Basis der Arbeit von Mark Thomas), Opernparaphrasen über Werke von Mozart, Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi über Meyerbeer und Halevy bis hin zu Weber, Schumann und – sehr umfangreich – Wagner (Holländer, Lohengrin, Tannhäuser und Meistersinger) bilden einen nicht unerheblichen Teil dieser Kompositionen. Im weiteren Verlauf seiner Karriere hat Raff gern auch Einzelstücke zu Zyklen zusammengefasst. Die Pianistin Tra Nguyen hat sich zwischen 2011 und 2013 im Rahmen einer sechsteiligen CD-Einspielung einer Vielzahl dieser Zyklen und einiger herausragender Einzelwerke angenommen, ein Engagement, das bis heute (2026) leider ein Einzelfall geblieben ist, sieht man von der Veröffentlichung der Italienerin Allegra Ciancio im Jahr 2025 ab, die leider einige der Werke ´nur` in Auszügen präsentiert. Schön wäre es, wenn sich ein Pianist oder eine Pianistin in Zukunft folgender Zyklen annimmt: Vom Rhein op. 134 (1866), Reisebilder op. 160 (1870), und Aus der Adventszeit op. 216.

Bei den folgenden Kurzbesprechungen gehe ich chronologisch vor. Das früheste Werk in dieser Reihe sind die

Zwölf Romanzen in Form von Etuden op. 8

aus dem Jahr 1843, entstanden in den Tagen, als Raff noch als Lehrer in Rapperswil arbeitete. Sie gehörten zu den Stücken, die Raff ein Jahr später an Mendelssohn schickte und von diesem begeistert an seinen Verleger weitergeleitet wurden. Bei den 12 Stücken, die in zwei Teile aufgeteilt sind – allesamt mit italienischen Untertiteln versehen – überzeugt der melodische Einfallsreichtum des jungen Komponisten, der sich zwischen Schumann, Mendelssohn und Chopin bewegt. Besonders reizvoll aus meiner Sicht die Nr. 5 (Il pianto dell`amante – Adagio ma non troppo), eine bezaubernde Salonmusik mit drei kontrastierenden thematischen Gedanken, die Nr. 7 (Barcarola – Allegretto), die erste der zahlreichen Barcarolen aus Raffs Feder sowie die beiden an Chopin orientierten Teile Nr. 10 (Mazurka – Allegro moderato) und Nr. 12 (Polonaise – Alla polacca).

Sechs Gedichte op. 15

Diese Komposition aus dem Jahr 1845, – Liszt gewidmet – hat keine Originalgedichte als Grundlage, sondern reiht reine ´Klaviergedichte` aneinander. Sie ist fast durchweg lyrisch konzipiert, abgesehen vom fröhlich-verspielten Scherzo Nr. 3 (Les Amoureux) und vom Schluss, einer Gigue – Presto, in der Raff bereits früh seinen späteren Virtuosenstil durchscheinen lässt. Besonderes Interesse verdient Nr. 5 (Chanson suisse), eine Folge von delikaten Andante-Variationen.

Album Lyrique op. 17

Von op. 17, das ursprünglich um 1849 in Hamburg entstand, existiert eine zweite Version aus den Jahren 1874 – 77, in der Raff möglicherweise einige der frühen Stücke ersetzte. Das Werk besteht aus neun Einzelstücken, arrangiert in fünf Teilen. Teil 1 nennt Raff Reveries, drei an der Zahl, den zweiten Teil eröffnet eine zarte Romanze, gefolgt von einer insbesondere im zweiten Teil effektvollen Ballade (Allegro – Piu Allegro). Es folgen zwei verspielt-delikate Nocturnes, die durchaus noch nach frühem Raff klingen, mit dem 4. Teil, einem Scherzo, aber beginnen komplexere Strukturen hörbar zu werden, die eine spätere Schaffenszeit nahelegen. Dies gilt in noch größerem Maß für den Schlusssatz, ein mit Introduction et Fugue bezeichnetes Stück, das den Zyklus zu einem bewegten, überzeugenden Abschluß bringt.      

Frühlingsboten op. 55

Diese Zusammenstellung von 12 Einzelstücken entstand zwischen 1850 bis 52, alle Teile haben sozusagen ´gegenständliche` Überschriften: es reicht von Nr. 1 (Winteruhe), das erwartbare beschwingte ´Frühlingsnahen` über religiös gefärbte Töne (Gelübde) zu Titeln wie ´Unruhe` (Nr. 4), ´Wirrniss` (Nr. 6) bis zum ´Vorwurf` in Fugenform (Nr. 7). In den Titeln 8 bis 12 überwiegen die lyrischen Momente, insbesondere in Nr. 10 (Zu zwei`) und dem monothematischen Schlußstück ´Abends`, dem populärsten Stück der Sammlung, für das auch Versionen für Orchester, Klavier zu vier Händen und Violine und Klavier existieren. 

Drei Klavier-Soli op. 74

1852 geschrieben, jedoch erst 7 Jahre später veröffentlicht. Die 3 Teile sind überschrieben Ballade – Andantino quasi Larghetto, dreiteilig angelegt mit einem sehr ungestümen Mittelteil, Scherzo – Presto mit drei Themen, die in eine Presto possibile Coda münden und Metamorphosen – Andante, letztere 1859 vom Widmungsträger Hans von Bülow aus der Taufe gehoben. Die Metamorphosen kamen im Vergleich zu den beiden anderen Stücken bei Publikum und Kritik besonders gut an. Ursprünglich einfach als Variationen bezeichnet, dient als Ausgangspunkt ein Motiv aus 7 Tönen, aus denen sich vier Variationen entwickeln, die im Tempo mit Adagio bzw. Animando quasi Allegro bezeichnet sind. Das eindrucksvolle Stück endet über ein Vivace-Scherzoso mit einem strahlenden Molto animato.

Impromptu-Valse op. 94

Ein Einzelstück aus dem Jahr 1860, in der Entstehungszeit und danach trotz seiner technischen Schwierigkeiten sehr beliebt in den damaligen Salons. Das Stück ist dreiteilig angelegt mit einem ausgedehnten langsamen Walzer als Mittelteil, umrahmt von einer quirligen Melodie.

Fünf Eglogues op. 105

In den fünf 1861 in Wiesbaden geschriebenen Eglogues (Hirtengesänge), die Raff seiner Frau Doris widmete, überwiegen naturgemäß die poetischen, gesanglich ausgesponnenen Passagen, insbesondere im dritten Teil (Andante quasi Larghetto), den man durchaus als Liebeserklärung an die Widmungsträgerin verstehen kann.

Fantasie-Polonaise op. 106

Ebenfalls 1861 verfasst, zeigt Raff mit dem dreiteigen Bravourstück seine kompositorische Vielseitigkeit, zugleich löst er sich mit gewagten Ornamentierungen vom Vorbild Chopins, ohne dass op. 106 den polnischen Grundcharakter einbüßt.

Blätter und Blüten op. 135

Diese 12 Charakterstücke, aufgeteilt in vier Hefte, schrieb Raff 1866 direkt nach dem großen Erfolg seiner 1. Sinfonie. Sie sollen die zur Entstehungszeit bekannte und beliebte Sprache der Blume verdeutlichen, die menschliche Regungen, auch Charakteristika und Attribute sozusagen ´durch die Blume` beschreiben. Da uns diese Vorstellungen nicht mehr geläufig sind, bleibt dem heutigen Hörer kaum eine andere Wahl als den musikalischen Gehalt der Einzelstücke aufzuspüren. Die überwiegende Zahl ist dreiteilig angelegt, zumeist erklingen einprägsame lyrische Melodien, immer wieder kontrastiert von flotteren Passagen, in Teilen pianistisch durchaus anspruchsvoll. Die Zusammenstellung war zu Lebzeiten Raffs so beliebt, dass er eine Fassung für Klavier zu vier Händen erstellte.

Fantasie op. 142

Von den zahlreichen Klavierfantasien, die zwischen 1841 und 1871 entstanden, gilt op. 142 – geschrieben 1867 – als gehalt- und anspruchsvollste Komposition: als Grundbaustein des Stücks erklingt ein Viertonmotiv in der langsamen Einleitung, das in eine sangliche Melodie erweitert wird. Im Hauptteil, einem teilweise wilden Allegro, dem Raff immer wieder ruhigere Passagen gegenüberstellt, lässt er seinem Einfallsreichtum absolut freien Lauf. Manche Passagen weisen voraus auf die beiden Meisterwerke, den Sonaten op. 81 und op. 168.

Fantasie B-Dur WoO 15a

Abweichend vom sonstigen Schema stelle ich diese frühe Fantasie (wahrscheinlich 1850/1 entstanden) im direkten Vergleich zu op. 142 vor. Die Partitur wurde 2010 in einer niederländischen Bibliothek entdeckt, sie verrät noch sehr deutlich den Einfluss Chopins und hier und da auch Liszts. Sie ist Andante überschrieben, eine lyrische Melodie bildet die Grundlage, wird mehrfach umgewandelt, verliert sich zum Ende jedoch völlig in figurativen Formeln.

Barcarolle op. 143

Etwa gleichzeitig mit op. 142 entstand die Barcarolle – beide Stücke wurden 1869 gemeinsam veröffentlicht – ist aber in der Faktur wesentlich einfacher gestaltet. Bezeichnet mit Allegretto quasi andante mosso ist das Stück dreiteilig und – zumal im Mittelteil – eher rein dekorativ angelegt.

Allegro agitato op. 151

Ein leidenschaftliches, relativ kurzes Stück aus dem Jahr 1868, beliebt insbesondere bei Raffs virtuosen Zeitgenossen, die ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen wollten, im dreiteiligen Aufbau nur kurz von einem ruhigeren C-Dur-Mittelteil unterbrochen.

La Cicerenella op. 165

Auf der Basis des populären neapolitanischen Lieds ´La Cicerenella` (Kleine Kiecher-Erbse) gelang Raff 1871 ein Feuerwerk von 13 Variationen in gut acht Minuten Spieldauer unterzubringen. Das ´Thema` erscheint nach einer Presto-Einleitung, in den Variationen wechseln gemäßigte und schnelle Tempi, in Variation 10 tritt mit einem exquisiten Larghetto eine temporäre Beruhigung ein, den Abschluß bildet – analog zur Eröffnung – ein Prestissimo-Finale.

Zwei Stücke op. 166

Etwa zeitgleich mit op. 165 sind die beiden Stücke op. 166 entstanden, eines mit ´Idylle` bezeichnet, ein charmantes Andante C-Dur und ein Valse (Allegro), der trotz seines leisen, gelösten Klangs so manche technische Schwierigkeit in sich trägt.

Zwei Stücke op. 169

Ähnlich wie in op. 166 stellt Raff in den Zwei Stücken op. 169 (entstanden 1871) in Form einer Romance (Quasi Adagio) ein eher beschauliches Stück einem schon von der Bezeichnung als Valse brillante fulminant gesetztes Werk an die Seite, das lediglich in knapp gehaltenen Moll-Einschüben leichte Beruhigung findet.

Variationen über ein Originalthema op. 179

Raffs längster Einzelsatz entstand zu Beginn des Jahres 1873; er besteht aus einer langsamen Einleitung, die in das ´Originalthema` überleitet und aus 20 Variationen dieses rhythmisch sehr ´anspruchsvollen` Themas mit fünf resp. sieben Vierteln pro Takt besteht. Das ganze Werk ist von großer Unruhe erfüllt – sieht man von Variation 18 ab, einem melodisch eingängigen Teil – weil Raff offenkundig bewusst diese rhythmische Struktur in fast allen Variationen fortführt. Erst im ausgedehnten Finale löst er die rhythmische Unruhe in einen Zweivierteltakt auf.   

Erinnerung an Venedig op. 186

Geschrieben 1873 als Reflex auf Italien-Urlaube in den frühen 70er Jahre weisen die 6 Stücke eher eine sparsame Diktion bei durchaus differenzierter Harmonik auf: es beginnt mit einer überraschend düsteren ´Gondoliera` gefolgt von einer Beschreibung des geschäftigen Treibens auf der ´Rialto`-Brücke. Eine ´Canzone` in Form eines Lieds ohne Worte schließt sich an, ehe es ´Zur Taubenfütterung` auf den Markusplatz geht. Nr. 5 trägt den Titel ´Serenade`, klingt jedoch nicht gerade italienisch, ganz im Gegensatz zur abschließenden ´Venetienne`, die noch einmal an die gelöste Karnevalsstimmung am Rialto anknüpft.

Vier Klavierstücke op. 195

´Im Schilf` hat Raff das erste dieser 1875 geschriebenen Stücke genannt, eine Etude (Andante con moto), in der die Bewegungen der Natur durch Figurationen in der hohen Lage über einer ruhigen Melodie charakterisiert werden. Die folgende Berceuse (Largo) ist mit eher unruhigen Arpeggios unterlegt, Nr. 3 – Novellette (Allegro) – wechselt zwischen kraftvollen Außenteilen und einem feierlichen Choral. Den Abschluss bildet ein Impromptu (Allegro), das sanft-lyrisch, aber effektvoll gestaltet ist.

Streichquartett Nr. 1 d-moll op. 77

Raffs erstes veröffentlichtes Quartett entstand zwischen Herbst 1855 und Winter 1856 und wurde 1858 zum ersten Mal aufgeführt. Auf einen weit angelegten ersten Satz in Sonatenform (Mäßig schnell, ruhig, breit) mit einer Reihe von Stimmungs-Umschwüngen, die geschickt auf alle vier Instrumente verteilt sind, folgt eine Art Perpetuum mobile (Sehr lustig, möglichst rasch), das von einem lyrisch ansprechenden zweifach wiederholten Trio ergänzt wird. Satz 3 (Mäßig langsam, getragen) konstituiert eine einfache, lyrisch geprägte Melodie, die jedoch die Grundlage bilden wird für erstaunliche und gewagte klangliche und harmonische Entwicklungen, ehe ein Violinsolo in die Stimmung des Beginns zurückführt. Das Finale trägt die schlichte Bezeichnung ´Rasch` und knüpft in seiner Ambiguität an den Kopfsatz an, ohne dass die aufgeworfenen Fragen aufgelöst werden. Aus meiner Sicht ein zu Unrecht ´vergessenes` Werk.

Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 90

Wie dem Streichquartett Nr. 1 hat Raff auch diesem 1857 in Wiesbaden geschriebenen viersätzigen Werk deutsche Satzbezeichnungen gegeben: 1. Rasch, jedoch ruhig, 2. Rasch, 3. Langsam, doch nicht schleppend und 4. Rasch. Satz 1 – ein ausgedehnter Sonatensatz – gefiel Raffs Zeitgenossen besonders wegen seines ansprechenden lyrischen Seitensatzes, ist darüber hinaus mit einer Fülle von Nebengedanken und einer gewichtigeren Coda ausgestattet. Überzeugend das folgende frisch-fließende Scherzo mit seinem melodisch schon fast zu populären Trio, während der langsame Satz und das Finale unter den wenig ausgeprägten Themen und einer starken Chromatisierung des Ablaufs leiden.

Vom zweiten Streichquartett existiert eine Adaption für Klavier zu 4 Händen; diese Version wurde allerdings zu Raffs Lebzeiten nicht veröffentlicht, sondern erst 2022 im Rahmen der Edition Nordstern.

Streichquartett Nr. 3 e-moll op. 136

Es vergingen fast zehn Jahre, ehe Raff sich wieder der Komposition von Streichquartetten zuwandte: im Winter 1866/7 entstanden allerdings gleich drei derartiger Werke. Zunächst fällt auf, dass Raff wieder italienische Satzbezeichnungen benutzt, möglicherweise auch ein Zeichen dafür, dass er sich vom Einfluss Liszts und Wagners gelöst hatte, wofür im Übrigen auch die Struktur der jeweils vier Sätze und der Verzicht auf die überstarke Chromatisierung der beiden ersten Quartette spricht.

Satz 1 hat die einfache Bezeichnung Allegro und steht in klassischer Sonatenform mit einem unruhigen Kopfthema, kontrastiert von einem eher lyrischen Seitenthema. Satz 2 (Allegro con moto) ist ein beschwingtes Scherzo, während Satz 3 (Andante con moto) mit einer sehr einfachen Melodie beginnt, die sich als Grundlage eines Variationssatzes erweist, der in seinem jeweils zwölftaktigen Wechsel eine Serie brillanter Miniaturen vorstellt, zu der sogar eine Fuge gehört, ehe der Satz beinahe hymnisch verklingt. Das anschließende pulsierende Finale (Allegro con spirito) bringt alle Beteiligten wieder auf den Boden der Realität zurück.

Streichquartett Nr. 4 a-moll op. 137

Beinahe solistisch beginnt der erste Satz (Allegro patetico) des a-moll-Quartetts: die beiden eher kantablen Themen werden zunächst von der ersten Violine (Thema 1) und dem Cello (Thema 2) vorgetragen. Den folgenden Sonatensatz erweitert Raff mit einer ausgedehnten Coda zu ´echter` Vierteiligkeit. Der eher melancholisch geprägten Eröffnung folgt ein lebendiges, leichtgewichtiges Scherzo (Allegro, non troppo vivo, quasi Allegretto), um in der anschließenden Romanze (Andante) sogleich wieder an die Melancholie des ersten Satzes zu erinnern. Im Finale: Andante – Presto wirft Raff einen Blick zurück auf den Schlusssatz von Beethovens 9. Sinfonie: er beginnt mit einem Rezitativ und zitiert Themen aus den vorangegangenen Sätzen, ehe er das Finalthema erklingen lässt.

Streichquartett Nr. 5 G-Dur op. 138

Das dritte Werk aus der klassischen Periode 1866/7 mit den Sätzen Allegro tranquillo, Allegro vivace, Larghetto und Allegretto vivace. Im Kopfsatz in Sonatenform werden zwei eher sangliche Themen immer wieder von rhythmisch geprägten Nebenfiguren erweitert, die in der Durchführung eine wichtige Rolle erhalten. Auch hier erweitert die ausgedehnte Coda den Satz zur Vierteiligkeit. Auf ein quirliges, thematisch eher schmalbrüstiges Scherzo folgt ein langsamer Satz in der Grundtonart C-Dur, der das mannigfaltige Thema in viele Richtungen von monologisierenden Passagen bis hin zu opernhaften Elementen ausleuchtet. Das Finale gibt sich humorvoll-spielerisch, angefüllt mit einer großen Zahl von kontrapunktischen Abenteuern.

Streichquartett Nr. 6 c-moll op. 192 Nr. 1

Mit den drei letzten Kompositionen für Streichquartett aus dem Jahr 1874, die Raff unter der Opuszahl 192 zusammenfasste, wandte er sich noch einmal der Form zu, die er bereits im sinfonischen, besonders aber im Klavierbereich erfolgreich umgesetzt hatte: der Suite, in op. 192 Nr. 1 explizit als ´Suite in älterer Form` bezeichnet. Das Stück besteht aus fünf Sätzen: eingeleitet wird es von einem klangvollen Präludium, dessen Larghetto thematisch in eine Allegro-Fuge mündet. Das anschließende Menuett beginnt ´klassisch`, entwickelt sich aber schnell in romantischere Gefilde mit dem Höhepunkt einer eingängigen Cellokantilene. Satz 3 ist eine phantasievolle Mischung aus Gavotte und Musette. Die folgende Arie (Largo) mit ihrer ausdrucksstarken Melodie legt Raff als Solo für die erste Violine mit leisen Tupfern für die übrigen Instrumente an, das Finale, eine leichtfüßige, spritzige Gigue (Vivace) hingegen betont noch einmal den Stellenwert aller vier Instrumente.

Streichquartett Nr. 7 D-Dur op. 192 Nr. 2

Das zweite Werk dieser Quartettgruppe trägt den irreführenden Titel ´Die schöne Müllerin` (Zyklische Tondichtung), irreführend deshalb, weil verständliche Hörerwartungen auf Schubert-Reminiszenzen total enttäuscht werden. Zu der Geschichte des jungen Mannes, der sich in die hübsche junge Müllerin verliebt, ihr schließlich einen Heiratsantrag macht, den sie annimmt, hat Raff eine völlig eigenständige Musik in 6 Abschnitten mit den Titeln ´Der Jüngling` (Allegretto), ´Die Mühle` (Allegro), ´Die Müllerin` (Andante, quasi adagietto), ´Unruhe` (Allegro), ´Erklärung` (Andantino, quasi allegretto) und ´Zum Polterabend` (Vivace) geschrieben. Während Satz 1 ruhig dahinschreitet, ist der folgende Satz von großer Dynamik erfüllt und es überrascht nicht, dass er sehr beliebt war und vielfach bei Kammerkonzerten als Zugabe gespielt wurde. Das Portrait der Müllerin mit seinem weich fließenden Thema gibt nur im Mittelteil einer kurzen Aufwallung Raum, die sich in Satz 4 umso deutlicher bemerkbar macht. Die ´Erklärung` ist als Duett zwischen erster Geige und Cello angelegt und es bedarf einiger Anläufe, ehe sich die beiden Instrumente zum ´Ja` vereinen. Das Finale beschreibt einerseits die ausgelassene Stimmung der Feier, aber auch in manchen Zwischenpassagen die Verliebtheit des Paares.

Streichquartett Nr. 8 C-Dur op. 192 Nr. 3

´Suite in Canonform`, so lautet der Untertitel des achten und letzten Quartetts. Das im Vergleich zu den Vorgängern relativ kurze Werk ist in sieben Sätze geteilt mit folgenden Bezeichnungen:  Marsch (Allegro), Sarabande (Andante, moderato assai), Capriccio (Vivace), Arie (Doppelkanon – Quasi Larghetto), Gavotte und Musette (Allegro), Menuett (Allegro molto) und Gigue (Allegro). In den einzelnen Sätzen gelingt es Raff noch einmal, die alten Formen mit neuem Leben zu füllen, im besonderen Maß in Teil 6, dem Menuett.

Streichsextett g-moll op. 178

1872 entstand dieses Stück für 2 Violinen, 2 Violas und 2 Celli. Es ist viersätzig mit den Bezeichnungen Allegro, Allegro molto, Larghetto und Allegro. Satz 1 mit seinem eingängigen Hauptthema im Rahmen eines Sonatensatzes steht für einen spannenden Beginn genauso wie das folgende Scherzo mit seinen wechselnden Stimmungen. Leider leidet der langsame Satz nicht nur unter dem nur begrenzt originellen Thema, das zu wenig Substanz bietet für die folgenden zahlreichen Variationen, denen Originalität aber in Teilen nicht abgesprochen werden kann. Das gilt bedauerlicherweise genauso für das Finale, auch wenn der Satz durch seine konzise Gestaltung eher zu überzeugen vermag. Insgesamt – besonders in den beiden ersten Sätzen – ein sehr hörenswertes Werk, das gern auch häufiger im Konzertsaal gespielt werden dürfte.

Streichoktett C-Dur op. 176

Wie das Sextett 1872 entstanden und ebenso viersätzig mit den Bezeichnungen Allegro, Allegro molto, Andante moderato und Vivace. Satz 1 in Sonatensatzform beginnt mit einem rhythmisch prägnanten Thema, ergänzt von einem weicheren, fast mysteriösen Nebengedanken. Beide verteilen sich spieltechnisch gleichwertig über die vier Instrumentengruppen. Diese Beobachtung und die der prinzipiellen rhythmischen Energie gilt für das ganze Werk, naturgemäß mit Ausnahme des langsamen Satzes, dem man fast den Charakter eines Lieds ohne Worte zusprechen möchte. Das anschließende Finale hingegen besitzt einen ausgeprägten Vorwärtsdrang insbesondere durch das synkopierte zweite Thema. Ein Werk, das aufgrund der schmalen Oktett-Literatur durchaus Beachtung verdiente.

 

Kammermusik mit Klavier

Klaviertrio Nr. 1 c-moll op. 102

Das Trio entstand 1861 und gehörte bis hinein ins 20. Jahrhundert zu Raffs beliebtesten Werken. Die vier Sätze sind bezeichnet: Rasch, Sehr rasch, Mäßig langsam und Rasch bewegt. Der erste Satz steht in Sonatenform, wobei Haupt- und Nebenthema motivisch angenähert sind. Das Scherzo ist nicht nur ´sehr rasch` zu spielen, sondern auch mit der dem Stück immanenten Leidenschaft. Höhepunkt des op. 102 ist fraglos der langsame Satz, in dem ein zartes, erotisch anmutendes Thema unter gerechter Beteiligung aller drei Protagonisten vielfach variiert wird und schließlich leise verklingt. Das flotte, launige Finale lässt sich formal am ehesten als Rondo einordnen, wenn auch mit den raff-typischen Abweichungen. Ein total überzeugendes Werk, dessen Fehlen im Konzertsaal höchst bedauerlich ist.

Klaviertrio Nr. 2 G-Dur op. 112

Das G-Dur-Trio entstand 1863 und besteht – wie sein Vorgänger – aus vier deutsch bezeichneten Sätzen. Das Werk beginnt ´Rasch, froh bewegt` mit einem Sonatensatz, geprägt von einem lyrischen Haupt- und einem elegisch-tänzerischen Seitenthema, zwei Einfälle von besonderer Attraktivität, die zudem über Durchführung und Reprise überzeugend miteinander verwoben werden und alle drei Instrumente gleichermaßen wie Protagonisten behandeln. Das folgende Scherzo (Sehr rasch) ist sehr knapp gehalten mit einem rhythmisch kraftvollen Hauptmotiv und als Kontrast einem eher lyrisch gehaltenen Trio. Wie so häufig ist auch im G-Dur-Trio der langsame Satz (Mäßig langsam) das Gravitationszentrum der Komposition. Besonders in diesen Sätzen gelingt Raff es immer wieder, einem sehr einprägsamen Thema viele Facetten abzugewinnen bis hin zu leidenschaftlichen Ausbrüchen, ohne dass sich der Grundcharakter des Satzes verliert. Das Finale (Rasch, durchaus belebt) ist in typischer Rondoform aufgebaut mit einem klar strukturierten, gut erkennbaren Refrain, der von diversen, unterschiedlichen Couplets ergänzt wird, die von fanfaren- sowie choralartigen Klängen bis hin zu einer ´orientalischen` Episode reichen. Den Abschluss bildet eine funkelnde, wirkungsvolle Stretta. Auch diese Komposition Raffs sollte im Konzertsaal großen Anklang finden.

Klaviertrio Nr. 3 a-moll op. 155

Ein Werk aus dem Jahr 1870, das vom Aufbau stark an die beiden Vorgänger erinnert, lediglich für die Sätze wählt Raff in diesem Fall italienische Bezeichnungen. Der Eröffnungssatz ist überschrieben ´Quasi a capriccio – Allegro agitato`, wobei der 15taktige Beginn bereits das Material des kommenden leidenschaftlichen Hauptthemas enthält, dem ein vom Cello eingeführtes lyrisches Seitenthema gegenübergestellt wird. Es fällt schwer, dem anschließenden ´Allegro assai` den Namen Scherzo zu geben, das Stück wirkt eher wie ein einfaches quirliges Zwischenspiel in dreiteiliger Liedform. Die ersten Variationen des ´Adagietto` über ein vom Klavier eingeführten Themas sind eher schlicht gehalten, mit Variation 5 jedoch beginnt Raff die spieltechnischen Anforderungen nicht unerheblich zu steigern. Das Finale (Larghetto – Allegro) mit seinem ´ungarisch` angehauchten Hauptthema überrascht in der Durchführung mit einem aus einem unscheinbaren Motiv abgeleiteten ausgedehnten Fugato, das über eine kurze Reprise in eine stürmische, effektvolle Coda führt.

Klaviertrio Nr. 4 D-Dur op. 158

Kurz nach dem dritten Klaviertrio – ebenfalls 1870 – entstand das D-Dur-Trio, das sich im grundsätzlichen Aufbau nicht von seinen drei Vorgängern unterscheidet. Es besteht aus vier Sätzen mit den Bezeichnungen Allegro, Allegro assai, Andante quasi Larghetto und Allegro. Der Kopfsatz in Sonatenform beginnt sehr zart, wird in der Folge aber geprägt von Achtelfigurationen des Klaviers, über die das Cello eine innige Melodie ausbreitet, die in der Folge von einem wenig einprägsamen zweiten Thema ergänzt wird. Der melodisch etwas plumpe Hauptteil des Scherzos wird vom Klavier bestimmt, das gesangliche Trio übernehmen die Streicher. Das Thema des langsamen Satzes wird vom Cello eingeführt, von der Violine übernommen und zu sich allmählich steigernden Klavierornamenten zu einer Art Elegie ausgeweitet, die sich erst zum Ende des Satzes nach einer Modulation zu Fis-Dur auflöst. Das Finale mit seinen wenig anschaulichen Themen lebt lediglich von seinen immanenten Bewegungsimpulsen und zahlreichen Modulationen.

Klavierquartett Nr. 1 G-Dur op. 202 Nr. 1

Seine beiden letzten Klavierquartette verfasste Raff sozusagen paarweise im Jahr 1876. Dabei repräsentiert das G-Dur-Quartett die ´sonnige` Seite des Verfassers. Die Sätze sind schlicht bezeichnet mit Allegro, Allegro molto, Andante quasi Adagio und Allegro. Der Kopfsatz ist mit einer Dauer von knapp 13 Minuten der längste Kammermusik-Satz Raffs, in dem zwei lebendige Themen – das zweite tänzerisch angehaucht – von einem dritten eher lyrischen Themenkomplex ergänzt werden. Dieses Material kombiniert Raff unter Führung der Violine zu einer frohgemuten, lebendigen Melange hin zu einer frisch-fröhlichen Coda. Der Beginn des Scherzos stellt mit den hämmernden Schlägen des Klaviers die beschwingte Stimmung des Kopfsatzes in Frage trotz einer Auflockerung durch eine lyrische Cello-Kantilene im Trio, es überwiegen die dunklen Töne. Ein in seiner Variabilität höchst faszinierender Satz. Das Thema des langsamen Satzes wird vom Klavier eingeführt, es bildet die Grundlage für acht, sich in ihrer Komplexität langsam steigernden Variationen bis hin zur fünften. Danach beruhigt sich das Geschehen, um am Ende des Satzes leise zu versinken. Das Finale beginnt mit einem heiteren Thema, dem ein zweites in ähnlicher Stimmung beigefügt wird. Es folgt noch ein dritter flotter Motivkomplex, eine lyrischere Passage bleibt Episode, ehe der Satz seinem quirligen Ende zustrebt.

Klavierquartett Nr. 2 c-moll op. 202 Nr. 2

Ebenfalls aus dem Jahr 1876 und zugleich Raffs letztes Werk für Kammerensemble (es folgten lediglich ein Duo und eine Suite für Violine und Klavier). Die vier Sätze sind kurz und einfach bezeichnet: Allegro, Allegro, Larghetto und Allegro. Der Kopfsatz wird mit einem düsteren Motiv im Klavier eingeleitet, das sich als eine Art Leitmotiv für den ganzen Satz erweist, ergänzt von einem zwar lyrischeren zweiten Thema, das jedoch nicht zur Aufhellung der Stimmung beiträgt. Nur der dritte Gedanke, der nach der lyrischen Passage erscheint, gibt dem Aufbau einen Hauch von Optimismus. Diese drei Motive verarbeitet Raff sehr phantasievoll über den ausgedehnten Satz hinweg bis zu einer bemerkenswerten Stretta, die vom lyrischen zweiten Thema dominiert wird. Das folgende Allegro verarbeitet nicht weniger als fünf Motive unterschiedlichen Charakters zu einem eindrucksvollen Kaleidoskop kontrapunktischer und instrumentaler Kombinationen. Als emotionales Zentrum des Werks erweist sich zum wiederholten Mal der langsame Satz stark bestimmt von einem wehmütigen Thema (eingeführt vom Klavier, übernommen von der Violine), dem ein zweites Thema mit lebendigerem Charakter folgt, ehe nach einer Kurz-Kadenz artigen Passage die Stimmung des Beginns wieder einsetzt und ein resignatives Ende einleitet. Als großer freundlicher Gegensatz erweist sich das Finale mit seinen drei heiteren Themen (das mittlere hat leicht choralartige Eigenschaften), von denen das erste wesentliche Teile des Satzes und den zuversichtlichen Schluss prägt.

Klavierquintett a-moll op. 107

Ein relativ frühes Kammermusikwerk Raffs aus dem Jahr 1862, das er selbst als Grand Quintuor bezeichnet hat, vermutlich, um auf die sinfonische Dimension des Stücks hinzuweisen. Das Werk galt als eine seiner besten Kompositionen, insbesondere Hans von Bülow lobte es als eines der bedeutendsten Werke seiner Art seit Beethoven. Umso weniger verständlich, dass das Quintett heute im Konzertsaal keine Rolle spielt. Es besteht aus vier Sätzen und auch formal folgt Raff hier klassischen Prinzipien. Die Bezeichnungen der Sätze lauten: Allegro mosso assai, Allegro vivace quasi presto, Andante quasi larghetto mosso und Allegro brioso patetico. Der Kopfsatz ist in Sonatenform gehalten, wobei das erste, melodisch signifikante Thema den Satz stärker beherrscht als das folgende Staccato-Motiv, das jedoch mit seiner steigenden Intensität die Schlusstakte des Satzes mitbestimmt. Das fünfteilige Scherzo wird eingeleitet von einem nervös-energischen Hauptthema zweimal ergänzt von einem ruhigen Trio-Zwischenspiel. Im langsamen Satz wird nach einer ruhigen Eröffnung das Hauptthema (eine aparte Melodie, die aus der Idee einer Barcarole geboren sein könnte) vorgestellt, wird ins Fortissimo gesteigert und verarbeitet, taucht zum Ende noch einmal in ihrer Ursprungsgestalt auf, um schließlich ins Piano zu versinken. Das Finale ist eine durchweg flott-fröhliche Angelegenheit, die durch die marschartigen Themen erzeugt wird, die jedoch zu keiner Zeit in einen echten Marsch münden.

Violinsonate Nr. 1 e-moll op. 73

Vollendet zu Beginn des Jahres 1854 hat sich Raffs erste Violinsonate schnell im Repertoire des 19. Jahrhunderts etabliert, ist aber nach seinem Tod ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Das Werk ist traditionell viersätzig gebaut, wobei die einzelnen Teile deutsche Bezeichnungen tragen: Bewegt, mit elegischem Pathos ist Satz 1 überschrieben, wobei die ´Elegie` eindeutig den Ton angibt. Der folgende scherzoartige Satz (Sehr rasch und fein) verbindet rhythmische Geschäftigkeit mit einem lyrisch geprägten Mittelteil. Wie so oft bei Raff stellt der langsame Satz (Nicht zu langsam) das Zentrum des Werks: eine leidenschaftliche Melodie schafft eine klagende Atmosphäre bis hin zu einem Ende leiser Trauer. Auch das Finale (Bewegt, sehr bestimmt) hebt die insgesamt melancholische Stimmung nicht auf, zu beachten ist das Seitenthema, das zu Raffs schönsten melodischen Einfällen gehört. Von dieser Sonate existiert eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen.

Violinsonate Nr. 2 A-Dur op. 78

Zum Jahreswechsel 1857/8 schrieb Raff seine zweite Violinsonate. Die Satzbezeichnungen – wiederum in deutscher Sprache – lassen auf eine entspanntere Stimmung als in der ersten Sonate hoffen. So ist die Eröffnung überschrieben mit ´Rasch, mit Wärme und Bewegung` und setzt mit diesem Motto den Grundton für das Werk. Der langsame Satz (Nicht zu langsam) führt ein zartes Thema ein, von Raff beschrieben als ´Im Volkston, zart, naiv – schwermütig`, das als Grundlage dient für einen Reigen von Variationen. Diesmal an dritter Stelle ein gedrängtes, melodisch wenig überzeugendes Scherzo (In raschem Zeitmaß, doch nicht zu bewegt), in dem das Klavier eine stärkere Rolle zugewiesen wird. Das Finale (Rasch und feurig) macht seiner Bezeichnung alle Ehre und führt die Komposition mit einer Mischung aus virtuosem Feuerwerk und lyrischeren Passagen zu einem schlüssigen Ende.

Violinsonate Nr. 3 D-Dur op. 128

1865 entstand die D-Dur Sonate op. 128, die erste mit den traditionellen italienischen Bezeichnungen und zugleich formal fest an romantische Tradition gebunden. Die Sätze lauten Allegro, Allegro assai, Andante quasi Larghetto und Allegro vivace. Satz 1 steht in Sonatenform, dabei zwei ähnlich anmutige, in Teilen fast volksliedartige Themen kombinierend und verarbeitend. Im Gegensatz dazu steht der anschließende scherzoartige Satz mit seinen wilden synkopierten Rhythmen, die im Trio von einer ruhigen Passage abgelöst werden. Das Andante beginnt mit Anklängen an barocke Vorbilder, entwickelt sich jedoch bald in eine typisch romantische Serenade, deren dreiteiliger Bau im Mittelteil von unruhigeren Klängen ergänzt wird. Im Finale führt Raff ein bewegt-fröhliches Thema zu einer flotten Coda, die dem sehr ansprechenden Werk den adäquaten Ausklang verleiht.

Violinsonate Nr. 4 g-moll op. 129

Ebenfalls 1865 entstanden, direkt nach der D-Dur-Sonate, besitzt diese Komposition in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmestellung: sie ist mit ca. 16 Minuten Spieldauer die bei weitem kürzeste der fünf Violinsonaten, sie ist einsätzig konzipiert, wenn auch deutlich in drei Abschnitte eingeteilt (Allegro mosso assai – Andante (non troppo lento, ma largamente) – Allegro) und deutet mit ihrem Untertitel ´Chromatische Sonate` eine Intention, wenn nicht Provokation an, die zu ihrer Entstehungszeit einzigartig ist, auch wenn Raff sich von allzu gewagten harmonischen Kombinationen a la Liszt oder Wagner abgrenzt. Andererseits erinnert der Aufbau mit seinen eingängigen Melodien und den häufigen rezitativischen Passagen an eine Gesangs- oder auch Opernszene – möglicherweise als kammermusikalisches Gegenstück zu Spohrs Violinkonzert Nr. 8 in Form einer Gesangsszene. Sehr schade, dass dieses Stück kaum im Konzertsaal zu hören ist.

Violinsonate Nr. 5 c-moll op. 145

Die letzte Violinsonate entstand 1868 und ist viersätzig mit folgenden Satzbezeichnung: Allegro patetico, Andante, Presto und Allegro agitato. Satz 1 in Sonatenform ist eine starke innere Unruhe eigen, die nur ganz kurz in der Mitte des Satz für einen ansprechend melodischen Augenblick aufgelöst wird. Auch der langsame Satz besitzt bei aller Grundlyrik eine deutliche innere Unruhe trotz eines mehrfach auftauchenden choralartigen Themas. Das kurze Presto-Scherzo (kaum länger als vier Minuten) mit seinem ABACABAC-Aufbau klingt nur unwesentlich optimistischer als die beiden vorausgegangenen Sätze, was zunächst auch für das Finale gilt. Es wird im Gegensatz zu den ersten drei Sätzen, in denen die Instrumente gleichberechtigt agierten, wesentlich von der Violine bestimmt, die am Ende des Rondo-Satzes zumindest für eine leichte Beruhigung der erregten Stimmung sorgt.

Aus der Schweiz op. 57

Ein frühes Werk aus dem Jahr 1848, das nicht ohne Grund dem renommierten Geiger Joseph Joachim gewidmet ist, denn für den Solisten hält dieses Stück mit dem Untertitel Fantastische Ekloge einige virtuose Herausforderungen bereit. Dabei ist die Komposition nach eher dramatischem Beginn, der sich auch im Ende spiegelt, eine Art Pastorale in Form eines Walzers, aus der sich Raffs Liebe zu seiner zweiten Heimat heraushören lässt.

Zwei Phantasiestücke op. 58

Entstanden 1850 und 1852, nannte Raff die beiden Stücke in der Erstausgabe ´Nocturnes`, eine Bezeichnung, die er oder der Verleger beim Zweitdruck 1861 zum heutigen Titel verallgemeinerte, was allerdings nichts änderte an der kompositorischen Nähe zu Chopins Weiterentwicklung der Erfindung des Iren John Field. Stück Nr. 1 ist bezeichnet schlicht Andantino, besteht dafür aber aus fünf Teilen, während Nr. 2 (Andantino quasi larghetto) der üblichen ´Lied ohne Worte-Struktur in drei Teilen folgt.

Duo op. 59

Die ursprüngliche Version dieses Werks (Titel: Caprice für Cello und Klavier) schrieb Raff 1848, vier Jahre später überarbeitete er das Stück und erweiterte den Titel auf ´Duo für Pianoforte und Violoncell oder Violine`. Die Komposition besteht aus einem zweigeteilten Satz mit den Bezeichnungen Andantino und Allegro appassionato, beide an Mendelssohn orientiert, wenn auch bei aller melodischen Eingängigkeit des ersten und der Dramatik des zweiten Teils deutlich weitschweifiger.

Duos op. 63 Nr. 1-3 über Motive aus Wagner-Opern

Die drei Paraphrasen über Motive aus Wagneropern (Nr. 1: Der fliegende Holländer, Nr. 2: Tannhäuser, Nr. 3: Lohengrin) schrieb Raff 1851. In der Holländer-Komposition beschränkt Raff sich im Wesentlichen auf zwei Themen aus dem 2. Akt: das Duett ´Wie aus der Ferne längst vergang`ner Zeiten` als ausführliche langsame Einleitung und als beschwingteren Gegensatz den Chor der Spinnerinnen. Zum Ende erscheinen zudem bewegtere Figuren aus der Ouvertüre. In der Tannhäuser-Paraphrase bestimmt zunächst der Pilgerchor das Geschehen, im Verlauf ergänzt von Motiven aus der Venusberg-Szene. Natürlich darf der ´Abendstern` nicht fehlen und in mehrfachen motivischen Andeutungen begegnet uns auch Tannhäusers Romerzählung. In der Lohengrin-Paraphrase begrüßt uns der Brautchor in verschiedenen Variationen, kurz unterbrochen vom Gralsmotiv, dann aber werden die Variationen bis zum Ende des Stücks fortgesetzt.

Six Morceau für Violine und Klavier op. 85

Diese sechs Salonstücke schrieb Raff im Jahre 1859; sie erfreuten sich sehr schnell zahlloser Bearbeitungen bis hin zu Orchester-Versionen, von denen keine einzige von Raff selbst verfasst wurde. Die sechs Teile sind überschrieben: Marsch (Allegro), Pastorale (Andantino), Cavatine (Larghetto, quasi Andantino), Scherzino (Allegro), Canzona (Andante non troppo lento) und Tarantella (Presto). Die Abfolge und Tempobezeichnungen verdeutlichen die nicht zuletzt durch die rhythmische und melodische Vielfalt untermauerte Qualität der einzelnen Stücke. Insbesondere die Cavatine erfreute sich großer Beliebtheit, war wahrscheinlich zu Lebzeiten Raffs meist gespieltes Werk und blieb auch später im allgemeinen Repertoire ganz im Gegensatz zu vielen anderen, insgesamt gehaltvolleren Werken des Komponisten.

Sonatillen op. 99

In der ´Sonatillen` genannten Zusammenstellung von drei Werken aus dem Jahr 1861 wechselt Raff zwischen drei und viersätzigen, dabei teilweise bewußt komprimierten Kompositionen (die einzelnen Sätze dauern 2 bis 7 Minuten). Teil 1 besteht aus drei Sätzen: ein düsteres Allegro agitato leitet ein, gefolgt von einem zu einem Gutteil der Violine überlassenen Larghetto mit einem im besten Salonmusikstil erfundenen Cantabile, das gelegentlich von erregteren Klängen ergänzt wird. Den Schluß bildet eine beeindruckend wilde Tarantella in a-moll (Presto possibile), die den beiden Solisten alles abverlangt. Werk Nr. 2 besteht aus vier Sätzen, beginnend mit einem Allegro, dessen Hauptthema den Satz unerwartet anmutig eröffnet, aber bald von eher angespannten Passagen abgelöst wird. Das folgende Scherzo (Presto) besitzt durchgehend einen sorglos-wirkungsvollen Rhythmus, der kontrastiert wird vom Larghetto quasi Andante mit seinem schönen, melancholischen Thema, das dreimal zu unterschiedlichen Begleitfiguren des Klaviers erscheint. Im Finale (Vivace) in ABA-Form bestimmt ein hoch energisches Thema den Ablauf, kurz von einem lyrischen Mittelteil unterbrochen. Werk 3 der Zusammenstellung hat wiederum drei Sätze, der erste ist überschrieben mit Thema con Variazioni: Adagio non troppo, in dem ein ruhiges Thema vom Klavier eingeführt und in der Folge in sechs Variationen mit unterschiedlichen Tempi und Rhythmen fortgeführt wird. Es schließt sich ein Scherzo: Presto an, das frisch und fröhlich einsetzt und endet und im Mittelteil ein freundliches Cantabile präsentiert. Das Finale (Adagio – Vivacissimo) bringt den Zyklus zu einem spielerisch-leichten Ende.

Cellosonate D-Dur op. 183

Mit hoher Wahrscheilichkeit entstand die Sonate im Laufe des Jahres 1873, die Uraufführung fand statt am 1. Dezember 1873 und, obwohl Raffs Ruhm in diesen Tagen seinen Zenith errreicht hatte, konnte diese Komposition weder Kritik noch Publikum überzeugen. Die vier Sätze sind sehr schlicht bezeichnet mit Allegro, Vivace, Andante und Allegro. Satz 1 ist eine Mischung aus marschartigen Motiven mit lyrischen Einsprengseln, während das kurze springlebendige Scherzo schon fast atemlos wirkt und nur im Trio für einen Moment zur Ruhe kommt. Das Andante wird vom Klavier eingeleitet, die Melodie dann vom Cello übernommen und in einem einfachen, schon fast klassischen Wechselspiel fortgeführt. Das Finale funkelt zunächst zwischen eher lyrischem Cello und punktierten Rhythmen des Klaviers, beiden Instrumenten viel Gelegenheit gebend, ihr virtuoses Können zu zeigen, ehe die Coda zu einem beinahe triumphalen Abschluß kommt.

Zwei Fantasiestücke für Cello und Klavier op. 86

Ein sehr lyrisch und ansprechend angelegter Zweiteiler aus dem Jahr 1854 mit den Untertiteln ´Begegnung` und Erinnerung`.

Zwei Romanzen für Cello und Klavier op. 182

Die beiden Romanzen aus dem Jahr 1873 existieren in zwei Versionen (für Horn oder Cello und Klavier). Die erste ist rein lyrisch in dreiteiliger Form angelegt und zeigt den Melodiker Raff von seiner besten Seite. Auch Nr. 2 ist naturgemäß eher poetischer Natur, allerdings strukturell komplexer (mit vier Motiven: abacdab) und in Teilen auch ´dramatischer` angelegt.

Sinfonietta F-Dur op. 188

Zehn Blasinstrumente führt Raff in diesem Kammermusikwerk zusammen, dem klassischen Bläseroktett aus jeweils zwei Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotten fügt er zwei klangaufhellende Flöten hinzu, wodurch die leichte und fröhliche Stimmung des Werks eine noch freundlichere Komponente erhält. Das 1873 geschriebene Stück besteht aus vier Sätzen: Das beschwingte einleitende Allegro steht in Sonatenform, es folgt ein Scherzo, in dem ein sehr hübsches lyrisches Seitenthema den Ton angibt. Satz 3, ein Larghetto, lässt sehr wirkungsvoll zwei Themen alternieren, das Finale klingt beschwingt-heiter und endet in einem Hauch zukünftiger Klänge mit den vielfach überlappenden Einzelstimmen.

Raff verfasste zwischen 1848 und 1866 sechs Opern und eine Märchen-Vertonung, das man gut und gern als Opern-Oratorium bezeichnen kann. Im Einzelnen:

König Alfred WoO 14 (1848-52), Samson WoO 20 (1853-57), Dame Kobold op. 154 (1869), Die Parole WoO 29 (1871-72), Benedetto Marcello WoO 46 (1877-78), Die Eifersüchtigen WoO 54 (1881-82) und als Sonderfall Dornröschen WoO 19 (1855).

 

König Alfred WoO 14

Die Oper nach einem Libretto von Gotthold Logau (Pseudonym von Henrik Glogau, den Raff 1848 während seines kurzen Aufenthalts in Stuttgart kennengelernt hatte). entstand zwischen 1848 und 1850 und wurde am 9. März 1851 in Weimar unter Leitung des Komponisten uraufgeführt, weitere Aufführungen sind nicht bekannt, obwohl die Premiere in zeitgenössischen Berichten als erfolgreich bezeichnet wurde. Da die Partitur bis heute nicht publiziert wurde, ist eine detaillierte Analyse nicht möglich, zeitgenössische Beobachter sprechen von einem eklektischen Stil, in der Wagnersche Instrumentation mit den Elementen der Grand Opera eines Meyerbeer verbunden wird. Die aus vier Akten bestehende Handlung spielt in England des 9. Jahrhunderts, rankt sich um die kriegerische Auseinandersetzung König Alfreds mit den Normannen, angereichert mit einem ´Liebesdrama` um Alfreds Schwester mit einem heimtückischen angelsächsischen Höfling. Die als einziger Teil der Oper auf CD vorliegende Ouvertüre beginnt mit einer ausgedehnten langsamen Einleitung, deren Thematik König Alfred reflektieren soll. Das folgende Allegro wirkt wie ein Potpourri aus verschiedenen Motiven der Oper, zum Ende aber schließt sich der Kreis mit einer kraftvollen Steigerung, in der die Themen der Einleitung noch einmal triumphal erklingen. Nach einem zeitgenössischen Bericht der Rheinischen Musikzeitung vom 24. Mai 1851 gefielen neben der Ouvertüre einige weitere Szenen insbesondere mit Beteiligung Alfreds in den ersten drei Akten sowie ein Frauengebet, der Siegesmarsch und das Finale im Schlussakt.

Samson WoO 20

In dieser musikalischen Tragödie in drei Abteilungen (fünf Akten), die Raff zwischen 1853 und 1857 auf ein eigenes Libretto schrieb, erzählt er die bekannte Geschichte von Samson und Delilah, angelehnt an das biblische ´Buch der Richter`. Zu Raffs Lebzeiten wurde das Werk nicht publiziert und trotz einiger Versuche niemals auf die Bühne gebracht. Allerdings sollte dabei berücksichtigt werden, dass Raff sich mit seiner inneren Abkehr von der Neudeutschen Schule mit dem Gedanken trug, die deutlichen Einflüsse Wagners auf die Partitur zu verringern, schließlich aber das Stück nicht zuletzt mit dem Erscheinen von Saint-Saens ´Samson und Dalilah` im Jahre 1877 endgültig in seinen Nachlass verbannte. Die Partitur wurde erst vor kurzem durch die Edition Nordstern (2019/2021) veröffentlicht und am 11. September 2022 fand die Uraufführung am Stadttheater Weimar statt (die Regie übernahm kein Geringerer als Calixto Beito). Inzwischen liegt auch eine CD-Veröffentlichung vor unter der Leitung von Philippe Bach mit Kräften der Bühnen Bern. Wie bereits angedeutet ist die Komposition des ´Samson` deutlich an Wagner orientiert, als Basis dienen Leitmotive für die einzelnen Personen oder deren Befindlichkeit und das Werk ist durchkomponiert. Nur selten scheinen traditionelle Gesangsnummern durch (so im 1. Akt mit der Romanze der Dalilah oder Samsons Arie und dem ausgedehnten Duett mit Delilah im 3. Akt). Lediglich im 5. Akt greift Raff mit dem Festmarsch und den rituellen Szenen, die von einem beeindruckenden Cellosolo und orchestraler Abrundung abgeschlossen werden, stilistisch zurück auf die Grand Opera französischen Musters. Eine wesentliche Rolle spielt im ´Samson` das Orchester, das komplett an Wagners Besetzung für Lohengrin orientiert ist (UA am 28. August 1850 in Weimar), dabei setzte Raff aber eher auf ein kammermusikalisches Klangbild, wobei ihm auch ohne knallige Orchestertutti eine reiche und vielschichtige musikalische Ausdruckspalette glückt.

Dame Kobold op. 154

Nach einer langen Pause vollendete Raff 1869 seine dritte Oper, die erste in einer Reihe von vier komischen Opern. Das Libretto von Paul Reber basiert auf einer Komödie des spanischen Dramatikers Pedro Calderón de la Barca aus dem 17. Jahrhundert. Die Uraufführung fand am 9. April 1870 in Weimar statt, die Partitur wurde jedoch erst 2020 publiziert und im gleichen Jahr am Regensburger Theater in Szene gesetzt (Regie: Brigitte Fassbaender), allerdings aufgrund der Corona-Beschränkungen ohne Chor und orchestral reduziert. Weitere Aufführungen (nicht unerheblich bearbeitet und reduziert) fanden 2023 auf Initiative des Vereins SchwyzKulturPlus statt, ohne dass sich die generelle Repertoire-Fähigkeit des Werks gezeigt hätte. Dazu ist das Libretto um die Wiederverheiratung der Witwe Donna Angela mit ihren durch die Existenz einer Geheimtür ausgelösten spukhaften Elementen, den Intrigen und Missverständnissen sowie Verwechslungen der fünf Protagonisten, die dennoch zu einem Happy End mit zwei Eheschließungen führen, einfach nicht originell genug. In manchen Teilen gilt das auch für die Musik: nach einer mit einer langsamen Hornmelodie eingeleiteten schwungvollen Ouvertüre folgen drei Akte mit den für die romantische Oper üblichen Arien, Duetten, Ensembles, Chören und sogar einer Ballettmusik, die allerdings etwas pompös ausfällt. Leider fehlt vielen der Stücke die Leichtigkeit eines Rossini, die allerdings in der Ouvertüre in Ansätzen zu spüren ist. Die Musik für den am Ende glücklichen Freier Manuel überzeugt melodisch in den Arien noch am ehesten genauso wie das Terzett im 3. Akt. Ansprechend sind auch Anklänge an spanische Rhythmen und die geschickt eingesetzte Form des Walzers für Teile des letzten Aktes. Ob das allerdings reicht für eine Aufnahme ins Repertoire der Opernhäuser wage ich zu bezweifeln, wenn schon ein Lortzing mit seinen Werken nur noch selten zum Zuge kommt.

Die Parole WoO 29

Entstanden 1867/8 ist diese komische Oper auf einen Text von Raff unter dem Pseudonym Arnold Börner. Die Oper wurde bis heute weder veröffentlicht und aufgeführt. Die Handlung dreht sich um eine Dreiecksgeschichte zwischen dem intriganten Bauern Hans (Jack) und dem bereits verlobten Paar Elsbeth und Karl, in deren Beziehung der Bauer einen Keil zu treiben versucht. Dies gelingt ihm natürlich nicht, weil als Deus ex Macchina der Landesfürst einschreitet und das Happy End möglich macht. Der Titel des Stücks bezieht sich auf eine Szene des 2. Akts, in der der Fürst das Losungswort (Die Parole) vergessen hat und vom wachhabenden Karl verhaftet wird. Aus der Partitur ist lediglich die Ouvertüre bekannt, die beginnend mit einer dynamischen langsamen Einleitung in Sonatenform steht, bei deren Themen in Ermangelung der Kenntnisse der gesamten Partitur unklar ist, ob ein musikalischer Bezug zur Oper besteht. So bleibt nur die Feststellung, dass das Stück lebendig und heiter angelegt ist wie als Einleitung zu einer komischen Oper erwartbar.

Benedetto Marcello WoO 46

Das Werk aus dem den Jahren 1877/8 kann man getrost als Kammeroper bezeichnen: mit seinen vier historischen Protagonisten, gerecht verteilt über die ´Hauptstimmarten`, erzählt es eine fiktive Geschichte über die Wechselspiele der Liebe in Venedig des Jahres 1727. Das Libretto hat Raff selbst verfasst, nicht immer mit der allerglücklichsten Hand insbesondere beim Zwang zum Reim. Die Titelfigur, ein berühmter Komponist des Barock, hat zwei Gesangs-Schülerinnen, Faustina Bordoni und Rosana Scalfi, beide später gefeierte Sängerinnen, die er einem Besucher präsentiert, dem deutschen Komponisten Johann Adolf Hasse. Aus dieser Begegnung (Hasse und Marcello haben sich im Übrigen im ´richtigen` Leben nie getroffen) entwickelt sich das erwähnte Wechselspiel. Marcello glaubt Bordoni zu lieben, die ihm jedoch von Hasse ausgespannt wird und nach einigen Verwicklungen bis hin zu einem unblutigen Duell, entdeckt er seine Liebe zu der ihn schon lange Zeit verehrenden Rosana Scalfi und alles endet gut und in Freundschaft. Raff hat trotz seiner bekannten Begeisterung für Musik des Barock eine rein romantische Musik a la Lortzing, Flotow und Goetz geschrieben, melodiös und harmonisch vielfältig und vollkommen unwagnerisch, dabei herrlich leicht in der Instrumentation. Zu Raffs Lebzeiten wurde die Oper weder gedruckt geschweige denn aufgeführt. Dies geschah erst nach der Drucklegung im Jahre 2002 im selben Jahr, hat aber meines Wissens bisher zu keiner weiteren Aufführung geführt, aber immerhin zu einer Veröffentlichung des Mitschnitts der Uraufführung, dessen Kenntnis nicht nur Opern- und Raritätenfreunden empfohlen sei.

Die Eifersüchtigen WoO 54

Raffs letzte Oper aus den Jahren 1881/2, kurz vor seinem Tod vollendet. Auch dieses Libretto schrieb Raff selbst; dabei ist die Handlung eher schlicht und sehr überschaubar und dabei leider auch zu lang: Don Geronimo will seinen Sohn Claudio mit seiner Nichte Donna Rosa verheiraten. Die beiden aber sind zwei anderen Mitgliedern des Adels (dem Geschwisterpaar Din Giulio und Donna Bianca) zugetan. Geronimos Plan wird durchkreuzt durch das Dienerpaar Beppino und Ninetta. Im Laufe des Geschehens kommt es zu den titelgebenden Szenen, ehe sich alles positiv auflöst und die ´richtigen` Paare in einer Dreierhochzeit zueinander finden. Die Komposition erweist sich vielfach als Mischung aus Mozart-Erinnerungen und italienischem Belcanto zumeist im Parlando-Stil mit Anklängen an biedermeierlich-romantischen Tonfall. Die wenigen Höhepunkte der Partitur erscheinen erst ab Akt 2, als da sind Claudios Arie ´Nur wenige Stunden` zu Beginn des Akts und noch einmal Claudio im 3. Akt mit der Arie ´Es ist umsonst`, eingeleitet von einem hochromantischen Hornsolo, während die mit einem Rezitativ eingeleitete, melodisch bestechende Arie von einem Oboenobligato begleitet wird. Auch das flotte, köstliche, wenngleich kurze Quartett am Ende des 2. Akts kann überzeugen. Ob diese wenigen Abschnitte zu einem dauerhaften Revival des Werks führen können, scheint allerdings eher zweifelhaft.

Dornröschen WoO 19

Dieses Werk, angesiedelt zwischen Märchenoper und Oratorium, entstand 1855, wurde 1856 in Weimar uraufgeführt, blieb aber bis heute unveröffentlicht. Allerdings gibt es gute Nachrichten: am 7. Juni 2026 kam es nach 170 Jahren zu einer kompletten Präsentation in der Lutherkirche von Stuttgart-Bad Cannstadt mit dem Bachchor Stuttgart und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn. Es wird in einiger Zeit einen Mitschnitt dieser Aufführung geben, also: Fortsetzung folgt ..

In den letzten Jahren wurde auch das umfangreiche Liedschaffen für Solostimme und Klavier Raffs wiederentdeckt. Aus der frühen Zeit (50er Jahre) sind folgende Zusammenstellungen beachtlich:

3 Lieder op. 47 – 1848 (Texte von Johann Georg Fischer)

2 Lieder op. 48 – 1848 (Texte von Gotthold Logau)

3 Lieder op. 49 – 1848 (Texte von Johann Georg Fischer) – besonderer Hinweis auf die beiden ersten Lieder „Stille Liebe“ und „Der Liebe Verlangen“

5 Lieder op. 51 – 1849 (Texte von Emanuel Geibel) – beeindruckend Nr. 5 mit dem Titel ´Gondoliera`

3 Lieder op. 52 – 1852 (Texte von C.O. Sternau)

2 Lieder vom Rhein op. 53 – 1853 (Texte von C.O. Sternau)

Todte Liebe, Cyklus von Liedern und Gesängen WoO 17A – 1853/4 – veröffentlicht 2024 (insgesamt 11 Lieder auf Texte von Heine, Höppl, Sternau, Geibel, Branco, Rückert und von Auersperg) – darin enthalten die lohnenswerten Stücke ´Der Mond kommt still gegangen` und ´Elfenschiffer` (beide auch op. 98 enthalten). Aus diesem Zyklus löste Raff das ´Ständchen WoO 21 1861 als Einzelstück heraus.

Erst 10 Jahre später vollendete Raff seinen wohl wichtigsten und gehaltvollsten Zyklus, den aus 30 Einzelwerken bestehenden Zyklus

Sangesfrühling op. 98

Die einzelnen Lieder entstanden zwischen 1855 und 1863 auf Texte von u.a. Uhland, Heine, Geibel, von Eichendorff und Lenau. Insgesamt besteht der Zyklus aus einer Vielfalt von Stimmungen und unterschiedlichem Charakter, so stehen romantische Balladen neben einfachen Liedern und (Nr. 2 und 17) geistlichen Inhalten. Neben den beiden bereits in WoO 17A inkludierten Werken sind hervorzuheben ´Das Schloss am Meere` (Nr. 1) und als eindeutiger dramatischer Höhepunkt die Nr. 16 mit dem Titel ´Die Hochzeitsnacht`.

Maria Stuart op. 172

Diesen Zyklus komponierte Raff 1872 auf die Sammlung ´Rose und Distel, Poesien aus England und Schottland`. Die Sammlung besteht aus 12 Einzelstücken, beginnt mit vier Klagen auf den frühen Tod des ersten Mannes der Titelfigur, den Abschied aus Frankreich, ihre zweite Heirat, die Geburt ihres Sohnes (Titel: ´Nach der Geburt ihres Sohnes` – Nr. 9) bis hin zu ihrem Gang auf das Schafott.

8 Gesänge op. 173

Entstanden sind die Gesänge zwischen 1868 und 1870 und wurden 1872 veröffentlicht. Der Zyklus beinhaltet hauptsächlich übersetzte Dichtungen von Thomas Moore.

Blumensprache op. 191

Auf Texte von Gustav Kasptropp entstanden 1874 diese sechs Lieder, in denen den einzelnen Blumen symbolische Bedeutung zugewiesen wird, die sich in der Komposition widerspiegelt. So steht z.B. das Veilchen für Bescheidenheit und Demut, Rosmarin für Treue und Beständigkeit.

Blondel de Nesle op. 211

Raffs letzter Zyklus für Solostimme und Klavier, 11 Lieder auf Texte seiner Tochter Helene Raff, die sich das Pseudonym Helge Heldt gab.

 

 

 

Neben den Liedern für Solostimme und Klavier schrieb Raff auch eine Reihe von Stücken für Chor mit unterschiedlichen Besetzungen und Genres, von a cappella bis zu Orchester (in einem Fall gar für Klavier und Orchester), weltlich und geistlich. Dazu gehören die Sammlungen für Männerchor (op.97, 122, 195) sowie gemischten Chor (op. 198), die frühen Vertonungen geistlicher Vorlagen: Te Deum WoO 16 für Chor und Orchester aus dem Jahr 1853, die a cappella gesetzten Vier Marianischen Antiphonen WoO 27 (wohl 1868 geschrieben) sowie Pater noster WoO 32 und Ave Maria WoO 33 sowie die Vertonung des Psalms 130 De Profundis op. 141 für gemischten Chor und Orchester (1867).

Nähere Beschäftigung verdienen allemal die Kantaten

Die Sterne WoO 53 und Die Tageszeiten op. 209

Beide Werke entstanden auf Texte von Helene Raff und zeichnen sich durch eine auffällige Lieblichkeit aus. ´Die Sterne` (1880) blieb zu Raffs Lebzeiten unveröffentlicht, die Uraufführung fand 2012 statt. Op. 209 stellt insofern eine Ausnahme dar, als das Klavier neben dem gemischten Chor und dem Orchester eine wichtige Rolle spielt, an manchen Stellen gar der Eindruck eines Klavierkonzerts, dabei vermischt mit sinfonischen Anklängen entsteht, womit noch einmal Raffs Zwischenstellung verdeutlicht wird.

Welt Ende – Gericht – Neue Welt op. 212

Dieses Oratorium insbesondere nach Texten der Offenbarung des Johannes für Mezzosopran, Bariton, Chor und Orchester beschäftigte Raff immer wieder, ehe er es über einen längeren Zeitraum zwischen Ende der 1870er Jahre und 1882 zu Papier brachte. Die Uraufführung fand am 17.1.1882 in Weimar statt, es folgten diverse Darbietungen in den folgenden Jahren, darunter im Oktober 1883 in Leeds in englischer Sprache. Dieses Konzert hatte Raff persönlich leiten wollen, was durch seinen plötzlichen Tod verhindert wurde. Die Leitung an seiner Stelle übernahm kein Geringerer als Arthur Sullivan. Das Werk ist dreiteilig mit 36 Nummern (davon ein Vorspiel und neun orchestrale Zwischenspiele betitelt u.a. Die Pest, Der Krieg, Der Hunger, Tod und Hölle sowie herausragend: Die Auferstehung). Arnold Schering in seiner Geschichte des Oratoriums und Hermann Kretzschmar in seinem Führer durch den Konzertsaal (2. Abteilung) fanden kaum ein gutes Wort für die Komposition, dennoch ist die Wiederbegegnung bei aller baritonalen Rezitativ-Überfrachtung lohnenswert, weil neben der reichen Palette an Orchesterfarben noch einmal Raffs Zwischenstellung deutlich wird. Romantische Klänge werden ergänzt von Wagnerschen Leitmotiven, vielfach eingebettet in barocke Formen.

 

 

 

Literatur:

Helene Raff: Joachim Raff – Ein Lebensbild Regensburg, Bosse 1925

Mark Thomas: The Music of Joachim Raff – An Illustrated Catalogue – Edition Nordstern, Stuttgart 2021

Matthias Wiegandt: Vergessene Symphonik? Studien zu Joachim Raff, Carl Reinecke und zum Problem der Epigonalität in der Musik, Berliner Musik Studien Bd. 13, Diss. 1995

Christopher Fifield: The German Symphony between Beethoven and Brahms – New York 2015